Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Selbstbesinnung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 299 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbstbesinnung 299 die Rücksicht nach außen — nun, auch solche Rücksichtnahme wäre alles andere eher als jugendlich; und überdies — den Alten sei's gesagt — wir sind stark genug, zu solcher Rücksichtnahme nicht genötigt zu sein. Dieser nationaljüdische Judentag, auch wenn wir ihn als Enttäuschung empfinden, ist noch immer in seiner gedanklichen Höhe, in dem inneren Schwung, der ihn trug, in der Verbundenheit seiner Teilnehmer, auch über alle Differenzen hinweg, ein Ereignis, das hoch über dem Niveau ähnlicher Zusammenkünfte der anderen jüdischen Jugendorganisationen steht. Er war also eine Enttäuschung, und es gibt heute für alle, die es gut und ernst mit der nationaljüdischen Jugend in Deutschland meinen, nur eine Aufgabe: zu untersuchen, warum er es war. Mangelhafte technische Vorbereitung, schlechte Verteilung der Referate, ungeschickte Zeitdisposition, all solche Momente können nicht die Ursachen sein. Die schöne, beglückende, fruchtbare Atmosphäre, auf die es allein ankam, hätte dennoch geschaffen werden können, werden müssen, hätte die teilnehmende Jugend sie nur schaffen können. An ihr und nur an ihr liegt es, wenn der Jugendtag eine Enttäuschung wurde. Er war darin durchaus ein Ausdruck des inneren Zustandes der natonaljüdischen Jugendbewegung. Ob er schlecht oder gut vorbereitet und angelegt war, er war in seinem Verlauf zweifellos repräsentativ. Die Jugend kam zu Wort; ihre selbstgewählten Sprecher kamen zu Wort; der Jugendtag gab vollauf Gelegenkeit, zu sehen, wes Geistes Kind unsere Jugend ist. War er dennoch eine Enttäuschung, so gilt dieses Urteil für die gesamte nationaljüdische Jugendbewegung in Deutschland. Als sie zum erstenmal zusammenkam, um sich auszusprechen und zu äußern, hat sie enttäuscht. Die nicht unmittelbar an ihr Mitwirkenden enttäuscht und — hoffentlich — auch sich selbst. Das Bewußtsein dieser Enttäuschung wäre für sie das fruchtbarste Ergebnis des Jugendtages. Enttäuscht — warum? Es lag nicht an der Qualität, die Voraussetzung ist für die nationale Zukunftsbedeutung der national jüdischen Jugend: an ihrem Willen zum Judentum. Stark ist dieser Wille und aufrichtig; zentral und elementar. Das lehrte ihre Entwicklung in den letzten Jahren; das hat der Jugendtag bestätigt. In ihren stärksten Irrtümern, in ihren ärgsten Fehlern, in ihren peinlichsten Untugenden, in ihnen allen lebt der starke, glühende Wille zum Judentum. Mehr als dies: er erzeugt sie, diese Irrtümer und Fehler und Untugenden; er ist die eigentliche Ursache dafür, daß dieser Jugendtag eine Enttäuschung wurde. Denn so wahr, echt und stark dieser Wille ist, eins fehlt ihm noch; die entscheidende Qualität, die einen Willen fruchtbar und schöpferisch macht: die innere Zielgewißheit, die Klarheit der Richtung, die Sicherheit des Weges. Er ist blind. In dieser Erkenntnis liegt die Erklärung für den enttäuschenden Verlauf des Jugend tages, die Erklärung für all die Irrungen und 'Fehler unserer nationaljüdischen Jugendbewegung, die der Unbefangene schon vor dem Jugendtag wahrnehmen konnte, die dieser nur vor aller Öffentlichkeit manifestiert hat. Unsere Jugendbewegung ist über das erste Stadium ihrer Entwicklung, das die Erweckung ihres Willens zum Judentum zum Inhalt hatte, bereits hinaus. Sie will Judentum und hat doch kein Judentum. Sie will jüdisch sein und weiß doch , nicht, was jüdisch sein bedeutet. Sie ist willensstark und instinktunsicher; sie hat ein glühendes Herz und einen unklaren Kopf; sie drängt 2u einem Ziel und sieht keinen Weg. Sie hat den Willen und ermangelt der 23*