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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 289

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
289 (sequence 13)
Language
German
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Vom lebendigen Hebräisch 289 Der Widerspruch beginnt erst im Ausmaß der Neubildungen und in der Bildungsweise sich geltend zu machen. Die Gegner wollen sie auf ein Mindestmaß beschränken, lieber ein Fremdwort anwenden, als eine Neubildung einführen. Besonders wehren sie sich dagegen, daß gemeineuropäische Termini durch neue Wörter ersetzt werden. Das Sprachleben in Palästina fordert auch viel weniger neue Wörter, als es scheinen mag. Wenn aber ein Wort fehlt, dann soll man, meinen die Gegner, vorerst den alten Wortschatz absuchen, um das Bedürfnis wenn auch notdürftig aus diesem zu decken; alte, bereits eingeführte Worte sollen nicht wieder wegen restaurierter historischer Bedeutung verdrängt werden. Dem stimmen auch die Anhänger der Neubildungen zu. In der Praxis sind sie aber geneigt, das alte Wort allzusehr unter die Lupe zu nehmen, das dann „zu leicht befunden wird". Die Gegner der Neubildung wollen den Sprachstoff in Anspruch nehmen, auch wo er scheinbar versagt. Auch die bewußte Bereicherung der Sprache soll den Weg natürlicher Entwicklung gehen. Bei dieser spielt aber der Bedeutungswandel die Hauptrolle, wenn neue Bedürfnisse sich einstellen. Der sie zuerst empfindet, hat manchmal schon die neue Vorstellung mit dem alten Wort unbewußt verbunden. So sollen auch alte Wörter durch Bedeutungswandel sich mit neuen Vorstellungen verbinden. So kann auch leicht durch Begriffsübertragung, Begriffserweiterung, Begriffsspezialisierung, Metaphorisierung vorhandener hebräischer Wörter ein großer Teil unserer Bedürfnisse gedeckt werden. So ist es ein sehr taugliches Mittel zur Schaffung technischer Ausdrücke, daß Wörter der gewöhnlichen Sprache einen bestimmten Sinn erhalten*); besonders, wenn dieser neue Sinn an eine neue noch nicht gebrauchte Form oder noch nicht angewendete Wortkomposition gebunden wird. Dies ist das bequemste nächste Mittel zur Befriedigung neuer Sprachbedürfnisse. Es wird auch in allen Sprachen reichlich angewendet. Hier aber tritt erst der Widerspruch beider Meinungen hervor. Die Gegner der Neubildungen wollen durch Bedeutungswandel und durch Neuformungen gewöhnlicher hebräischer Wurzeln Worte bilden. Sie wollen aber bei deren Bildung sich auf die sogenannten lebenden Formen (Mischkalim) beschränken, nach demselben Vorgange, den ein jeder schaffende, Hebraist bei Neubildungen beobachtet. Diese Formen leben noch, wir empfinden ihre Bedeutungen, wir beherrschen ihren Mechanismus, sie bieten sich uns dar und wir können unser Auslangen an ihnen finden. Wenn nun ein Grundwort erstmalig in einer neuen Form eine gewisse erweiterte oder beschränkte Bedeutung erhält, so wird es nur dieser dienen und zu keinen Mißverständnissen Anlaß geben. Die Anhänger der Neubildungen wollen den Bedeutungswandel, weil verwirrend, nur sehr beschränkt anwenden, und zu Neubildungen bevorzugen sie die toten Formen, die einen großen Reichtum an Bildungsmöglichkeiten bieten. Den Einwand, daß die Bedeutung dieser Formen untergegangen ist, uns von selbst nicht bewußt ist, erst wissenschaftlich erschlossen werden muß, oder aber auch wissenschaftlich nicht mehr erschlossen werden kann, diesen Einwand betrachten sie als nicht gewichtig. Seit Beginn der Sprachrenaissance sind im Hebräischen nicht wenig Neubildungen entstanden, wobei bei den bedeutenden hebräischen Schriftstellern der *) Beispiele: Sofeg (Löschpapier), Mochek (Radierer), Cholec (Pfropfenzieher), Zerem (elektrischer Strom), Chaschmala (Elektrizität), durch Umdeutung eines nicht klaren Wortes, Balschanut (Philologie) gar auf Grund einer homiletischen Erklärung, was aber der Güte des Wortes keinen Eintrag tut.

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