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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 288

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
288 (sequence 12)
Language
German
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288 £. M. Lipschütz: Das schwerwiegendste Problem ist das Problem der Neubildungen. Es gibt neuerungsfreudige Anhänger der Neubildungen in Palästina und es gibt dort deren Gegner verschiedenen Grades. Die kühnen Neuerer wollen alle Bedürfnisse modernen Lebens durch Neubildungen aus hebräischen und semitischen Wurzeln decken. Sie sind zumeist Gegner der Fremdwörter, wollen auch die zweifelhaften hebräischen Worte oder die falsch angewandten aus der Sprache beseitigen und durch Neubildungen ersetzen. Die Allerkühnsten gingen so weit, bewußte Urschöpfungen vorzuschlagen, das heißt, völlig neue im Hebräischen nie dagewesene Lautgruppen sollen gebildet und mit neuen Vorstellungen ganz unvermittelt verknüpft werden. Die stärksten Gegner sind wieder gegen jedes Wort, das nicht schon in einer alten Quelle vorkommt. Die Extremsten beider Richtungen können wir vernachlässigen. Der überkühne Vorschlag, Urschöpfungen vorzunehmen, wird keine Anhänger finden. Der Vorschlag ist ja schon theoretisch nicht aufrecht zu erhalten. Die meisten sprachgeschichtlichen Theorien stehen auf dem Standpunkt, daß zumindest in historischen Zeiten Urschöpfungen gar nicht vorkommen. Insbesondere nicht bewußte Urschöpfungen. Auch die entgegengesetzte, absolute Abweisung der Neubildungen gehört wohl auch schon der Vergangenheit der Haskala an. Der Gegensatz zwischen den Gemäßigten beider Richtungen ist also zumeist ein solcher im Tempo und in der Art der zuzulassenden Neubildungen. Was in den indogermanischen Sprachen die Suffixe und die Präfixe der Nominalbildung sind, das sind in den semitischen Sprachen die Nominalformen (Mischkalim), welche ja auch zum Teil prä- oder suffigiert sind. Diese Nominalformen sind historisch gewordene Gebilde, sind einmal entstanden, haben sich entwickelt und können untergehen. Eine Nominalform ist untergegangen, wenn durch verschiedene Vorgänge deren Bedeutung verwirrt, gespalten und endlich überhaupt aus dem Bewußtsein verschwunden ist, so daß sie nicht mehr lebendig empfunden wird und daher nicht mehr Neubildungen in ihr geschaffen werden können. Dies sind Erscheinungen verminderten Lebens in lebendigen Sprachen. Lebende Nominalformen sind solche, deren Bedeutung jedem derart klar und gegenwärtig ist, daß ein jeder im Bedarfsfalle noch nicht dagewesene Wörter nach ihnen leicht bilden kann. Es ist ein Zeichen des Lebens, daß im Hebräischen solche lebendige Formen da sind, daß in ihm nach diesen Formen stets sehr viele Neubildungen entstehen. Gegen Neubildungen dieser Art ist wohl niemand, es fragt auch niemand erst um Erlaubnis, sie entstehen unkontrolliert und sehr oft unbewußt und sind in den bedeutenderen modernen Schriftstellern viel zahlreicher als gemeinhin angenommen. Bis zu diesem Maße sind die Neubildungen in jeder lebendigen Sprache und auch im Hebräischen üblich*). A ber die lange Unterbrechung im lebendigen Gebrauch unserer Sprache hat Lücken geschaffen, die auf einmal ausgefüllt sein wollen. Die Terminologie der Wissenschaften, die Namen moderner Gebrauchsgegenstände müssen jetzt auf einmal durch bewußte Tätigkeit von Berufenen geschaffen werden. Auch dies erkennt jeder wohl an. *) Beispiele solcher modernen literarischen Neubildungen: Histadrut (Organisation), Hanhala (Direktion), Hitrakzut (Zentralisation), Histaglut (Anpassung), Cionut (Zionismus), Amamiut (Volkstümlichkeit), Sifrut (Literatur), Hadadijut (Gegenseitigkeit). Dies sind auch zum Teil Beispiele der Bedeutungsübertragung: Tapuach Adama (Erdapfel); schon das talmudische Schulchani (Geldwechsler, Bankier) durch Bedeutungsübertragung aus dem Lateinischen-

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