Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom lebendigen Hebräisch 287 empfiehlt das Fremdwort gegenüber der Neubildung. Es gibt einen Platzhalter ab für ein. später zu entdeckendes gut hebräisches Wort. Dieser vorzeitige Purismus würde nur unsere Sprache isolieren, ohne sie hebräischer zu machen. Ein vielumstrittenes sprachliches Problem ist auch das Verhältnis der hebräischen Sprachbewegung zur arabischen Sprache. Die arabische Sprache ist die reichste und kraftreichste der lebenden semitischen Sprachen. Gerade die Puristen wollen nun viel aus ihr für das Hebräische entlehnen. Am weitesten geht wohl ein Vorschlag Ben Jehudas, welcher alle arabischen Wurzeln, die im Hebräischen nicht vorhanden sind, auf einmal rezipiert wissen möchte, durch ein Machtwort einer autoritativen Körperschaft; es wäre doch besser, verwandtes Wortgut, als fremdes aufzunehmen. Die Anhänger dieser Richtung sehen im Arabischen ursprünglich semitisches Sprachgut, woran wir teilhaben, wonach wir greifen dürfen. Diese Anschauung geht wohl von der älteren linguistischen Stammtafeltheorie aus, welche eine Sprachfamilie in einem Stammbaum mit absteigenden Verwandtenlinien ordnete, wonach es eben eine ursemitische Sprache gab und alles Sprachgut Erbgut ist. Die Wellentheorie, die heute die Wissenschaft beherrscht, wird dem nicht zustimmen können. Hebräisches Sprachgut ist nur jenes, das von dem für das Hebräische charakteristischen Lautwandel ergriffen wurde. Die Gegner jener Anschauung betrachten gerade das Einfließen zahlreicher arabischer Wörter -als gefährlich für die Eigenart des Hebräischen. Die Verwandtschaft der arabischen Sprache mit der hebräischen ist nicht so ohne weiteres fühlbar. Bei Leuten, die beide Sprachen beherrschen, stellen sich nicht unbewußt und von selbst Gefühle einer gesetzmäßigen Zusammengehörigkeit ein; das will für jeden Menschen erst wissenschaftlich erschlossen werden. Das Arabische gehört auch in der semitischen Sprachfamilie nicht zu den nächsten Anverwandten des Hebräischen. Arabisch ist wohl dem Hebräischen nicht näher, vielmehr weit ferner, als das Englische dem Deutschen, und doch wird von den Deutschen ein englisches Wort als Fremdwort empfunden und es wird Front gemacht gegen die Engländerei. Die Gegner der Arabisierung sind nicht gegen den Gebrauch eines nötigen arabischen Fremdworts; wogegen sie sind, das ist die unnötige Einführung arabischer Wörter, ferner die Benützung arabischer Wurzeln mit neuen hebräischen Formen oder gar die künstliche Vornahme des spezifischen hebräischen Lautwandels an arabischen Wurzeln. Sie weisen ferner darauf hin, daß unsere Bedürfnisse nicht nach Arabien weisen; uns mangelt es an Ausdrücken für Kulturwerte und Kulturwerke, die wir aus Europa aufnehmen und für die das Arabische selbst Fremdwörter in großer Zahl einführt. Die hebräische Sprache hat schon eine Periode arabischen Einflusses zu überstehen gehabt; der arabisierende tibonidische Übersetzerstil war damals entstanden. Die Anhänger weisen auf diese Leistungen als ein historisches Beispiel hin, die Gegner verweisen darauf als auf ein abschreckendes Bild tiefen Verfalls der hebräischen Sprache. Übrigens haben wir jener Periode manche Sprachbereicherung zu verdanken. In der hebräischen Umgangssprache ist aber der arabische Einfluß bis heute nicht groß, kann es auch nicht sein. Dessen Anhänger haben einige Wörter in hebräischer Form eingeführt. Es dringen aber in die Sphäre des gewöhnlichen Lebens, in das Fuhrmannswesen, in die Landwirtschaft arabische Fremdworte unkontrolliert und unbeachtet ein. Die hebräischen Schriftsteller der Diaspora verhalten sich zumeist völlig ablehnend gegen die arabisierenden Einflüsse.