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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 286

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
286 (sequence 10)
Language
German
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286 E. M. Lipschütz: Es müßte darauf gesehen werden, daß in Zukunft die bedeutendsten hebräischen Schriftsteller in Palästina wirken, um der lebendigen Entwicklung das zu geben, was sie vermögen. Bis heute sind merkwürdigerweise nur wenige von den großen Stilisten nach Palästina, dem Lande der hebräischen Zukunft gekommen. Billige Ausgaben sollen die alte Literatur zugänglich machen, literarische Auswahlen sollen mithelfen, den alten Sprachstoff in Fluß zu bringen. Ausgaben moderner Literatur und mustergültige Übersetzungen sollen dem hebräischen Leser reiche Lektüre bieten. Einer guten, sprachlich auf der Höhe stehenden Zeitung müssen Opfer gebracht werden, wie einer gut dotierten Mittelschule. Eine schlechte Zeitung in Palästina wirkt sehr sprachverderbend, ist geradezu eine Gefahr für die Sprachentwicklung. Die Sprachbewegung in Palästina hat sich ein Organ geschaffen im ,,Waad Halaschon", der alle sprachlichen Fragen autoritativ entscheiden soll. " Mit sehr geringen Mitteln wurde da wertvolle Arbeit geleistet, die. in den Sitzungsberichten dieser Körperschaft niedergelegt ist. IV. Es sind vielerlei Probleme der Sprachentwicklung vorhanden, die noch strittig sind und in Palästina im Sprachleben sehr praktische Bedeutung haben. Hier seien einige, wenn auch nicht eingehend behandelt*). Merkwürdig ist, daß schon die Fremdwörterfrage aufgetreten ist. Bei Beginn der literarischen Renaissance war auch das Fremdwort ein Schibolet im Kampfe. Die neue Richtung wollte den Gebrauch der Fremdwörter frei haben, und nur so konnte ja auch die Sprache jene Ausdrucksfähigkeit gewinnen, die man erstrebte. Die besten Schriftsteller gebrauchen auch seither Fremdwörter (Achad Haam, Frischmann, Bernfeld, Neumark, Klausner). Übermäßig war deren Gebrauch nie und gedieh bei weitem nicht zur Höhe des Gebrauchs wie in den europäischen Kultursprachen. Nur die nötigsten der im Deutschen und Russischen gangbaren Fremdwörter wurden übernommen. So ist auch heute noch die Stellung aller bedeutenden hebräischen Schriftsteller zur Sache. In Palästina traten aber Puristen auf, welche die Fremdwörter aus dem Hebräischen verbannen möchten. Ihr sehr gewichtiger Grund ist, daß die sehr verschiedenen Formen der indogermanischen Fremdwörter sie in einer semitischen Sprache sehr fremd erscheinen lassen. Sie wollen lieber durch Neubildungen etwaige Lücken ausfüllen als Fremdwörter gebrauchen. Die Gegner des Purismus halten ihn für verfrüht. Das Fremdwort ist mehr eine kulturhistorische als eine sprachhistorische Erscheinung, es kommt und geht mit Kultureinflüssen. Das mischnaitische Hebräisch hat auch viele Lehnwörter (iooo—1500) aufgenommen; sie sind dann aus dem rabbinischen Hebräisch zumeist wieder verschwunden. Gerade seine Fremdheit von Kesset durch das Verb „kasse" volksetymologisch beeinflußt wurde. So das durch Jahrhunderte eingeführte Schoschana (Rose), Schazif (Pflaume), ebenso Maca* (Matratze) seit der Haskala eingeführt, „Merkachat" (Konfitüre), welches schon die Dezisoren gebrauchen, K'tobet (Adresse), seit der Haskala gebraucht. Diese und andere Worter wurden angezweifelt und teilweise verdr ängt. *) Die hier kurz beleuchteten Probleme sind teilweise auch Gegenstand der Diskussion im Waad Halaschon gewesen und sind im Sichronot Waad Halaschon IV. niedergelegt. Als Mitglied des Waad Halaschon habe ich dort auch meine Meinung kurz auseinandergesetzt, des längeren ausgeführt in den oben angeführten zwei Abhandlungen im Haschiloach und Netibot. Hier bemühte ich mich so viel als möglich, bloß zu referieren. Ebenda die hier erwähnten Vorschläge Ben Jehudas betreffs Einbürgerung sämtlicher fehlenden arabischen Wurzeln und betreffs UrschÖpfungen.

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