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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 285

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
285 (sequence 9)
Language
German
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Vom lebendigen Hebräisch 285 Noch ruhen große Reichtümer der hebräischen Sprache in alten Literaturschächten; die müssen in unseren Gebrauch übergehen. Der gebräuchliche Wortschatz ist den zugänglichsten und bekanntesten Quellen entnommen. Was am Anfange der Modernisierungsbewegung eingeführt wurde, ist gebraucht und teilweise schon abgebraucht; seitherhat keine große Bereicherung stattgefunden, Ungehoben sind noch ungeheure Sprachschätze in der tanaitischen und agadischen Literatur und in Literaturwerken späterer Perioden, Was für andere Sprachen die Dialekte sind, der Mutterboden, aus dem immer wieder neue Kräfte der Sprache zufließen, das sind für die hebräische Sprache die alten Sprachschätze. Als eine Sprache, in der literarische Reminiszenzen stark vorherrschen, nützt sie ihre Worte schnell ab und braucht oft und reichen Ersatz aus den alten Quellen der Sprache. Große Aufgaben harren hier einer schaffenden Philologie, aber das meiste müssen sprachschöpferische Menschen, müssen Dichter tun. Dichter, welche die Worte in lebendigen Zusammenhang bringen — Worte leben nur im Zusammenhange—, welche die Worte beseelen, geben sie dem Leben wieder. Es ist nötig, unsere Sprachschätze zu heben und aufzubreiten, damit wir übersehen, was wir besitzen. Alle Wörter einer Sprache haben ihren Inhalt im Laufe des Gebrauches langsam und unbewußt mehr oder weniger geändert. Das Nächstliegende sind die Namen von Kulturerzeugnissen, die längst nicht mehr das sind, was sie am Anfange ihres Namens waren*). Archäologie ist da der schlechteste Berater. Es gehört eine gewisse Naivität des Schaffens dazu, alte Worte mit neuem Inhalt zu füllen. Dichter und Denker können das in einer glücklichen Unbewußtheit oder in einer hellseherischen Überbewußtheit. Ein Dichter gebraucht ein altes Wort für einen neuen Begriff einmal bloß okkasionell, er wirkt aber auf andere, der neue Vorstellungsinhalt verbindet sich mit dem Worte und dann ist das Wort usuell geworden und kein Mensch empfindet, daß die Vorstellung und das Wort nicht immer zusammengehört haben. Man darf freilich nicht vorzeitig den entstehenden Zusammenhang stören wollen. Es ist merkwürdig, daß gerade in Palästina einige Hebraisten von Bedeutung die Neigung und das Bedürfnis haben, von Zeit zu Zeit die Entdeckung zu machen, daß einem altgebrauchten Worte seine gültige Bedeutung abzusprechen sei, um es vielleicht durch eine Neuerung zu ersetzen**). Als Regel hat zu gelten, daß in diesen Fragen die Dichtung und die bedeutenden Sprachmeister das erste und letzte Wort haben. *) Wir nennen „Onijah" ein Schiff, trotzdem die alte „Onijah" gewiß heute kaum „Sirah" (Kahn) heißen würde und gar keine Ähnlichkeit mit einem heutigen Dampfschiff hatte. Es war deswegen müßig, „Ci", das seit der Haskala und schon früher für Flotte eingeführt war, zu revidieren und abschaffen zu wollen. Wenn wir den Frauenrock „Simlah" nennen, so hat derselbe nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einer alten Simlah, vielmehr kam das Wort zu dieser Bedeutung auf Grund der Jargonübersetzung „Kleid", wobei auch der Frauenrock im Jargon Kleid genannt wird. Dasselbe gilt mit „Meli" für den Männerrock, übrigens ja auch für das deutsche Wort Rock. Es war ja deswegen müßig, auf Grund philologischen Einsehens den Gebrauch des Wortes „Äderet" für Mantel und „Marbad" für Teppich zu stören. Man hatte sie ruhig bei der einmal gewonnenen Bedeutung belassen können. **) Als Beispiele für solche in Palästina vorgenommene Verschiebung die Obenerwähnten, Ci (Flotte), Aderet (Mantel), Marbad (Teppich), dann Kar (Kissen), Kesset (Federdecke), für welche zwei Wörter der heutige Gebrauch schon fürs 12. Jahrhundert feststeht, aber damals schon angezweifelt wird, ob nicht umgekehrt was wir „Kar" nennen, eine Decke oder Matratze und was wir Kesset nennen ein Kissen ist. Dabei ist sicher, daß unsere Daunenkissen mit den alten Kar Kesset überhaupt nichts gemein haben. Die Bedeutung

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