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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 284

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
284 (sequence 8)
Language
German
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284 E. M. Lipschütz: hebräisch sei. Auch die feinsten Kenner der Grammatik können die Bildung ihrer Sätze beim Sprechen nicht erst kontrollieren, sie denken aber im Geiste der Sprache. Bei dem Zusammenströmen von Juden mit sehr verschiedenen inneren Sprachen in Palästina muß mit Bewußtsein der Gefahr einer Verwilderung begegnet werden. Der Einfluß einer früheren Sprache kann auch unter dem Wortkleid einer neuen fortwirken. Auch der große Wortschatz des Hebräischen, das innere Leben der Wörter, der Reichtum der Bedeutungen, der Gefühlszusammenhänge und der Bildungsmöglichkeiten sollen in die innere Sprache, in den lebendigen Gebrauch überführt werden. Nur eine so geartete innere Sprache wird sprachschöpferische Kräfte im Volke auslösen und die hebräische Sprache zu einem reichen Leben erblühen lassen. Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, daß eine Schriftsprache hier zur Umgangssprache wird. Was für andere Sprachen, was auch für unsere Sprache einmal das Ergebnis einer langen Entwicklung war, die Schriftsprache, ist für uns der Anfang einer solchen. Wenn im Leben dem modernen Hebräisch andere seiner Phasen entgegentreten, so sind es auch nur ältere Entwicklungsphasen einer Schriftsprache. Wir haben eben nur Monumente hebräischer Schriftsprache, die wir in den Umgang umsetzen. Das ist ja wohl eine Schwäche für die hebräische Sprache, bedeutet aber auch eine nicht geringe Stärke für sie. Eine Schriftsprache und noch dazu eine mit so alten und so geheiligten Sprachmonumenten wie unsere Sprache ist ihrem Wesen nach nicht so leicht veränderlich wie schriftlich nicht fixierte Sprachen; sie ist ihrem Wesen nach als Schriftsprache mehr der Norm unterworfen. Freilich wird die hebräische Sprache bei gesunder Entwicklung nicht nur der Norm oder gar gewissen Mustern folgen. Innerlich vom Geiste der alten Sprache erfüllt, wird sie sich auch der schöpferischen Freiheit nicht entschlagen. Immer wird eine Harmonie zwischen der Beharrlichkeit, die aus den alten Quellen fließt, und der lebensimmanenten Veränderung angestrebt werden müssen. Einerseits wird die alte Literatur bei uns immer viel gelesen werden, immer sprachliche Autorität behalten, immer wird man aus ihr Regeln für den Gebrauch ableiten, und andererseits werden wir immer die Sprache unseres Lebens unserer kulturellen Situation verhältnismäßig anpassen. Diese Harmonie zwischen zwei entgegengesetzten Tendenzen wird erreicht werden, wenn wir in Syntax und Formenlehre den guten Geist der hebräischen Sprache wahren, hingegen, wo die Sprache und ihre Mittel eine Lücke aufweisen, wo unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind, Wortschöpfung und schaffende Bereicherung der Wortbedeutung sich betätigen lassen. Die letzten Bemerkungen sind gegen gewisse Theorien gerichtet, die da meinen, daß Sprachfehler der Weg der Entwicklung, daß sie ein Zeichen des Lebens seien, und die fordern, man solle ihnen deswegen nicht wehren. Es muß betont werden, das Barbarismen wohl den Weg der Sprachverderbnis und Verwirrung, aber nicht den der Entwicklung darstellen. Keine Sprache entwickelt sich so, sondern nur wo die Sprachnorm Lücken aufweist, wo sie zweifelhaft wird, dort setzt die Entwicklung ein. Mangel an Sprachkultur kann für keine Sprache von Nutzen sein. Die Entwicklung darf auch nicht gewaltsam herbeigeführt werden. Es darf auch kein Mensch denken, er sei die Entwicklung und er könne in deren Namen sprechen und der Sprache neue Wege vorschreiben. Wenn eine Änderung in der Sprache sich von selbst durchgesetzt hat, dann wird sie Anerkennung fordern und finden, aber erst dann. Ehrfurcht vor der Sprache ist die tiefste Art ihrer Erkenntnis.

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