Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 282 (sequence 6)
- Language
- German
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282 E. M. Lipschütz: lieh auch Muttersprache der Kinder ist. Es gibt aber auch solche, die, wenn auch nicht zu Hause hebräisch gesprochen wird, sich bestreben, die Kinder doch ausschließlich hebräisch zu erziehen. Die Zahl der Kinder, die keine andere Sprache beherrschen, ist ansehnlich genug. In der Verbreitung von Sprachen bedeutet dies alles eine Stufe, auf der sie sich schon aus eigener Kraft ausbreiten können. Wir kennen diese verschiedenen Abstufungen aus Erfahrungen, die wir in Osteuropa bei der Verdrängung der jüdischen Idiome durch die Landessprache gemacht haben. Dort ist das Ergebnis Assimilation, hier in Palästina Nationalisierung. Das Leben der hebräischen Sprache in Palästina beginnt auch schon seinen Einfluß über die Grenzen des Landes hinaus auszuüben. Hebräisch sprechende Gruppen in Syrien und Ägypten, Schulen und Kindergärten, wachsendes Interesse und Können in diesen Ländern sind auf ihn zurückzuführen. Lehrer und Reisende waren da die sprachlichen Pioniere. Es ist klar, daß, während die erste Generation die hebräische Sprache noch künstlich erlernt hat, die jüngere Generation diese von vornherein als ihre natürliche Sprache innehaben muß. Sie lebt voll im Seelenleben dieser jungen Menschen und ist nun eine lebende Sprache mit allen Attributen einer solchen. Um das in Palästina gesprochene Hebräisch zu charakterisieren, gilt es vor allem sein Verhältnis zur modernen Schriftsprache, wie sie in der Literatur seit der jüngsten Sprachbewegung lebt, zu erfassen. Selbstverständlich ist die Umwandlung des Hebräischen in eine gesprochene Sprache von jener literarischen Sprachrenaissance bedingt. Das Meliza-Hebräisch hätte durchaus nicht Objekt einer Verlebendigung werden können. Es war diese ganze prinzipiell so bedeutende Wandlung notwendig, damit der Gedanke einer hebräischen Umgangssprache entstehen könne. Erst diese Wandlung hat ja der hebräischen Sprache die Anpassungsfähigkeit an das heutige Leben und Denken wiedergegeben und erst jetzt konnte sie ein Ausdrucksmittel für moderne Menschen sein. Das Ziel der Verlebendigung in Palästina mußte daher sein, diese Schriftsprache zur Umgangssprache zu machen und ihre sämtlichen Eigenheiten ins Leben zu überführen. Dieses Ziel ist nicht ganz erreicht worden und das bestimmt die Eigenart des Umgangshebräisch. Die Sprachrenaissance in Palästina hat etwa gleichzeitig mit der literarischen Sprachreform begonnen, bevor noch diese letztere zu ihrer Vollendung gediehen war. Die ersten Phasen des Übergangs wirkten demgemäß auf die Umgangssprache und wirken noch nach. Außerdem hat das gesprochene Hebräisch aus dem älteren palästinensischen Jischub mit der Kraft seines, wenn auch geringen Lebens Einfluß geübt. Das gesprochene Hebräisch ist einfacher, weniger kompliziert, man könnte vielleicht auch sagen: etwas weniger modern, als die Schriftsprache. Der Wortschatz ist mehr biblisch, frei von Fremdwörtern. Hebräische Elemente aus den jüdischen Mischsprachen sind herübergenommen, was erfreulich ist, da die hebräischen Wörter aus den Volksidiomen ein großes Maß von Lebendigkeit an sich haben. Diese Mischidiome haben aber auch auf die Syntax gewirkt und auch sonst zur Einwurzelung mancher Sprachfehler beigetragen, die gewiß leicht zu bekämpfen sind. Den mit der Schriftsprache gemeinsamen Zug hat die Umgangssprache, daß sie beziehungsreich ist. Der Reichtum des Wortschatzes ist selbstverständlich je nach der literarischen Bildung von verschiedenem Umfange. Im allgemeinen bemerkt man die Tendenz, einfachere Wörter zu gebrauchen. Die große Sorge um Wörtermangel ist jedenfalls im Leben viel kleiner als vorausgesehen. Es hat sich eben für gangbare