Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 281 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom lebendigen Hebräisch bilden einen unvergänglichen Ehrentitel. Was schier unglaublich schien, ist möglich geworden, daß die Schul- und Vortragssprache durchaus hebräisch ist, sämtliche Fächer hebräisch vorgetragen werden. Die Schule wirkt auch über ihre Mauern hinaus. Schon das Kind aus dem Kindergarten bringt das Hebräische ins Haus und zwingt die Umgebung zu ihm, und die reifere Jugend wirkt erst recht auf die Umgebung im Sinne der Hebraisierung. Die Schule kann freilich diese Wirkung ausüben, weil sie vom Leben getragen wird. Der soziale Faktor ist in dieser Bewegung nicht hoch genug anzuschlagen, was einen gewissen Zusammenhang mit dem sozialen Charakter des Hebräischen älterer Zeit herstellt. Das gesellschaftliche Leben nicht nur des neuen Jischub in Palästina ist durchaus hebräisch. Das öffentliche Leben spielt sich immer in hebräischer Sprache ab. Man kann in Palästina eine Versammlung, eine Sitzung, eine öffentliche Vorlesung oder Diskussion in einer fremden Sprache nicht abhalten, einen nichthebräischen Aufruf nicht veröffentlichen. Sämtliche öffentlichen Institute sind hebräisch geführt. Auch öffentliche Dokumente, soweit sie uns selbst angehen, sind hebräisch, z. B. die Buchung und Führung der Gemeindeämter, das Grundbuch mit dem Hypothekenwesen in den Kolonien, die Bescheide und Veröffentlichungen der Rabbinate. Daß Leichensteine und Inschriften hebräisch sind, ist selbstverständlich. Die Zeitung ist durchaus hebräisch und von starkem Einfluß auf die Sprachentwicklung. Alles geistige und literarische Leben ist in Palästina hebräisch. Zumeist sind schon alle schriftlichen Äußerungen, auch privater Natur hebräisch. Einladungen zu Festlichkeiten und Unterhaltungen sind immer hebräisch. Der Briefverkehr strebt immer danach, hebräisch zu sein. Auch der gesellschaftliche Verkehr in den Kreisen, die unter dem Einfluß der Schule und Literatur stehen, wird immer mehr ausschließlich hebräisch, man empfindet hier geradezu psychische Hemmungen, wenn man nicht hebräisch sprechen will. Man ist in gewissen Kreisen in Palästina bereits auf der Stufe angelangt, wo der Gebrauch der jüdischen Mischsprachen als Zeichen der Unbildung, der unnötige Gebrauch fremder Kultursprachen als unpatriotisch gilt; daß es dabei ohne Übereifer und eine gewisse Nervosität nicht abgeht, ist begreiflich. Da doch jeder zur Klasse der Gebildeten gehören will, befleißigt sich jeder, des Hebräischen mächtig zu sein und sich seiner, zumindest öffentlich zu bedienen. Es ist keine bloße Ziererei, wenn junge Leute darauf sehen, auf der Straße nur hebräisch zu sprechen; es ist die Macht der Tatsachen. Im Geschäftsleben kann man mit der hebräischen Sprache auskommen. Der schriftliche Verkehr unter jüdischen Kaufleuten ist wohl nur hebräisch. Im mündlichen Geschäftsverkehr ist das Hebräische Vermittlungssprache, wie auch sonst im Leben. Es sind auch schon manche nichtjüdische Geschäfte genötigt, ihre jüdische Kundschaft hebräisch bedienen zu lassen. Die k. u. k. Levantepost hat im Interesse ihres Geschäftes der hebräischen Sprache allerhand Konzessionen gemacht, hebräische Postanweisungen und Empfangsscheine eingeführt. Warenetiketten und Geschäftsreklame jüdischer Geschäfte sind auch schon hebräisch. Man kann mit dem Hebräischen durch das ganze Land kommen, ohne dadurch aufgehalten zu sein. Der größte Teil der Juden in Palästina versteht sich des Hebräischen zu bedienen. Hebräische Sprachelemente dringen auch stärker in die jüdischen Mischsprachen ein. Im neuen Jischub spricht die ganze Schuljugend nur hebräisch und alle Erwachsenen beherrschen die Sprache. Im neuen Jischub gibt es auch eine große Zahl von Familien, in denen Hebräisch ausschließlich Familienprache und selbstverständ- 21*