Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 276 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Baruch Krupnik: Micha Josef Berdyczewski Berdyczewski als Dichter geht nicht so weit. Er verrät in seinen zahlreichen Novellen zwar nie seine Feindschaft gegen das Galutleben, von der er so viel in seinen Essays spricht. Er schildert aber auch nie mit Liebe. Nein, diese Vergangenheit, die allernächste, die sein Auge gesehen, sein Gemüt eingesogen hat, kann er nicht schön und reich und herrlich finden, sie kann ihn nicht begeistern. Und so hängt der Dichter an einem merkwürdigen Indifferenzpunkt zwischen Feindschaft und Liebe, von dem aus er schafft und schweigt. So kommt es, daß Berdyczewski, der doch mehr Dichter als Künstler ist, dem das Lyrische wesensnäher ist als das Epische, — daß er trotzdem schildert und nicht sein Herz ausschüttet, malt und nicht besingt oder beweint. Allerdings — und das ist das Bezeichnendste für Berdyczewskis Novellen — malt er nicht mit Farben, sondern gleichsam mit Kohle oder Bleistift oder schneidet bloß Silhouetten aus. Berdyczewski erzählt nicht so sehr Geschichten, noch stellt er Szenen dar, sondern er führt uns Typen vor, entwirft Biographien. Es ist nicht Unbeholfenheit, sondern Kunststil, wenn viele Seiten seiner Novellenbücher dem Skizzentaschenbuche eines Zeichners ähneln. Wie groß zeigt sich sein Können, wenn er andererseits die Welt so schildert, wie sie sich seinem Helden darstellt! Ich weiß z. B. in der neujüdischen Literatur keinen, der die Lebensart und Weltanschauung eines Massenchassid so plastisch zeichnet wie Berdyczewski. Da ist nicht der Chassid wie er sein soll (Perez), der süßliche Chassid (Asch), der gelehrte (Steinberg), der ttrsprüngliche (Agnon), aber auch nicht die Karrikatur eines Chassid (Brandstetter), die Verzerrung (Smolenskin), sondern der Durchschnitts- Chassid der Werktage und des Sabbats, in seiner beschränkten Kleinstadtumgebung, mit seinen groben Verflachungen der Feinheiten der chassidischen Wahrheit und Dichtung, aber auch mit seiner stillen Lebensfreude und ethischen Ganzheit. In einzelnen Erzählungen erhebt Berdyczewski den Stoff bis zum Symbolischen. Erschütternd und an die apokalyptische Lyrik seiner Publizistik gemahnend ist die Erzählung „Vier Geschlechter" (Mehaawar hakarow [Aus der nahen Vergangenheit], Warschau 1909). Es werden nacheinander vorgeführt: ein alter Chassid von asketischer Frömmigkeit, seine Tochter, eine redliche Händlerin, sein Sohn, ein Kaufmann von lockerer Moral; sein Sohn — ein ausgelassener Kerl, der später Dieb und endlich Täufling wird. Ein Auflösungsbild als Illustration zu dem Schrei Berdyczewskis über den Niedergang, über das Schreiten zum Abgrund. Symbolisch wirkt auch das Bild: Die Einsamen (Daselbst). Wie auf der Leinwand werden zwei junge Leute ausgemalt; einerseits Mo sehe-Abraham, der unglückliche Schneidersohn, der athletisch veranlagt ist, der aber im sportarmen Städtel keine Anwendung seiner Kräfte findet; andererseits Abraham-Mosche, der nicht nur im Namen, sondern im Wesen Antipode des ersten ist, der aber nicht minder unglücklich ist, denn er ist ein aufgeklärter Talmudjünger, der kein Auditorium für seine Aufklärung findet. Alle beide sitzen einsam in der Dämmerung, der eine an seinem Fenster und der andere an seinem Tisch. Es gibt im Ghetto kein Verständnis für Natur und Turnen, aber auch keine Resonanz für kulturelle Verweltlichung. Bei wem sich der Sinn für dies oder jenes regt, der wird ausgestoßen oder geht freiwillig weg, wie das Berdyczewski in seiner Publizistik behauptet, oder vegetiert taten- und freudlos im Ghetto, wie im Bild zu sehen ist Es gibt außerdem bei Berdyczewski Dichtungen aus dem Leben und Trachten seiner Zeit- und Schicksalsgenossen, oft in Ichform geschrieben. Diese Dich-