Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 275 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Micha Josef Berdyczewski 275 Ohne Boden unter den Füßen, ohne Dach über dem Kopf, ohne Halt in einer festumrissenen Gemeinschaft, ohne „eigenes Alphabet", mit zerbrochenen Tafeln des verlorenen oder ausgearteten Glaubens macht der Jude der Gegenwart Renaissance, Da können nur gesegnete Optimisten nicht verzagen. Berdyczewski ist in seinem Wollen der echteste Zionist, den es nur geben kann, weil er der größte Galutverneiner ist. Allein ihm fehlt der Glaube, eine so riesenhafte Aufgabe könne von unserem Geschlecht erfüllt werden. Palästina zu bauen, während das Galut als Hebel dient, als Sprungbrett, erscheint Berdyczewski nicht vielverheißend. Achad Haam ist darin anderer Meinung; er glaubt an die aufgespeicherte nationale Kraft,1 daß sie ausreichen wird, Palästina zu bauen. Daß Achad Haam auch recht hat, beweisen die Unvergeßlichen, die auf ihrem Posten in und außer den Kolonien gefallen sind. Wo Aufopferung da ist, ist auch Schöpferkraft vorhanden. Aber so' ist Berdyczewski. Nicht einmal einen Blick in das gelobte Land tut er. Am Rand des Abgrunds steht er und wagt nicht einmal hinüberzuschauen, ob vielleicht dort Land statt Wüste, aufstrebendes Gelände statt Trümmern winkt. Durch seine Verneinung des Diesseits aber bewirkte er in anderen gerade eine Wagnisstimmung. Unter den Gefallenen im gelobten Lande sind nicht wenige Schüler Berdyczewskis. Sie haben nicht nach seinem Programm verfahren, er hat keines; sondern sie waren wie er von der Aussichtslosigkeit eines Bettlervolkes durchdrungen und machten den Sprung. Damit haben sie bewiesen, daß im Volke Kräfte schlummern, die zwar im Galut zu nationaler Stagnation oder Untergang verurteilt sind, die aber auf eigenem Boden eine Zukunft zu zimmern vermögen. „Wenn wir uns als ein Sonderwesen betrachten, das gegen die Vergangenheit, gegen eine große Vergangenheit kämpft, weil sie dem Leben widerspricht, unserem Leben nämlich, dem heutigen Leben, — so müssen wir diese Vergangenheit mit feindlichen Augen ansehen, mit Protest- und Zornaugen. Anders ist die Vergangenheit, wenn wir an sie nur als Zuschauer, nicht als Bekämpfer herantreten, wenn wir uns zu ihr wie zu etwas Ganzem verhalten, das von uns gar nicht abhängt und auf uns nicht lastet, wie zu einer Naturerscheinung und -tatsache. Dann sehen wir sie mit ganz anderen Augen. Dann ist die Vergangenheit schön, reich und herrlich" (Din udewarim 62). Dieses Bekenntnis Berdyczewskis gehört zu denjenigen Wahrheiten, die die Neohaskala von der alten Haskala grundsätzlich trennen. Die alte Haskala sah die Vergangenheit nie reich, schön und herrlich, es sei denn die ferne, gegen die sie auch nie gekämpft hat (wie etwa die althebräische bei Mapu), die aber auch der Tendenz diente, durch Kontrastwirkung die nahe Vergangenheit ins Dunkel zu setzen. Daß man eine gewisse Lebensart für nicht weiter existenzfähig und wünschenswert halten und dabei doch dieselbe Lebensart dichterisch verklären kann — das ahnten die naiv nationalistischen Aufklärer-Kämpfer nicht. Die sogenannte Dichtung jener Zeit war nicht Selbstzweck, sondern Kampfmittel neben der Polemik und Aufklärung. Deshalb hinterließ die Haskala nur Gedankengänge in besserer oder schlechterer Prosa, in besseren oder schlechteren Reimen, aber kein Körnchen Kunst. Diese gedieh erst in der Epoche der Umkehr, als man dazu noch <ias Alte sehnsuchtsvoll in die Ewigkeit sinken sah. Dabei sind manche in ihrer Sentimentalität so weit gegangen, daß sie die nahe Vergangenheit eitel verherrlichen und in das Gegenteil der Haskala geraten, indem sie der Tendenz verfallen, alles „schön, reich und herrlich" zu finden.