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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 277

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Micha Josef Berdyczewski
Date
1918-01-01
Page
277 (sequence 12)
Language
German
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E. M. Lipschütz: Vom lebendigen Hebräisch 277 tungen streifen unmittelbar an seine Wahrheiten und sind auch oben im Zusammenhang mit diesen berücksichtigt worden. In erster Reihe kommen hier in Betracht zwei größere Erzählungen: „Machanaim" (Zwei Welten), Warschau 1899 und „Urwa parach" (Träume, Schäume), Warschau 1900. Die erste hat zum Problem das Verhältnis eines jüdischen jungen Mannes zu christlichen — in diesem Fall gerade deutschen — Mädchen und Frauen, wobei der Abgrund zwischen beiden Welten im Einzelleben als Parallele zum Abgrund der Gemeinschaften sich nicht vergessen läßt. Die andere große Erzählung, fast ein Roman, hat zum Thema das mehr tragische als komische Suchen nach dem Wesen der Liebe — ein Thema, das wohl in seiner eigenartigen Form ausschließlich in der neuhebräischen Literatur vorkommt, hier aber nicht nur bei Berdyczewski, sondern auch bei andern Dichtern und Erzählern — vornehmlich Bialik, Brenner — und eine gesonderte literarische Würdigung beansprucht In seiner bereits erwähnten Sammlung „Aus der nahen Vergangenheit*' schildert Berdyczewski in einer Erzählung die Abreise eines alten Schochets nach Erez Israel. Das ganze Städtel gibt ihm das Geleite. „Eine Sehnsucht vieler Generationen erfüllte die Seelen aller. Das Herz der Begleiter wandte sich einhellig dem kleinen Lande dort im Osten zu, wohin einer von ihnen sich jetzt begab. Jedermann vergaß Haus und Vermögen und Bedürfnisse. Und wie das Volk also am Stadttor stand, die Füße beschuht, den Kopf bedeckt und die Stöcke in den Händen — würde plötzlich eine Verkündung laut: der Erlöser ist da! so wären sie weiter gegangen und begäben sich zusammen mit dem Schochet nach jenem Lande, Haus und Gut im Stich lassend." . Darauf kommt es an: ob in der Judenheit der Gegenwart noch diese Bereitschaft lebendig ist Daß es für uns die Frage aller Fragen ist — darin weiß sich der Zionismus eins mit Berdyczewski. ' Berlin Baruch Krupnik VOM LEBENDIGEN HEBRÄISCH 11. Es ist wohl einer der stärksten und erfreulichsten Eindrücke auf den nationalen Palästina-Wallfahrer, dieses überraschende Leben der hebräischen Sprache. Kaum in Jaffa gelandet, der Anblick der hebräisch spielenden und, was mehr ist, der hebräisch streitenden kleinen Kinder, Vorabends die Menge der Spazierenden, aus deren Wogen immer wieder hebräische Laute klingen, dann noch am selben Abend vielleicht eine Versammlung, durchaus hebräisch in Leitung, Vortrag und Diskussion und am anderen Morgen Besuch in den Schulen, Kindergärten, dem Gymnasium und Lehrerinnenseminar, Anhörung eines Vortrags in Geschichte oder Physik, diese Wirklichkeit der hebräischen Schulsprache — das alles ist immer wieder ein überwältigender Eindruck. Das Streben, die hebräische Sprache zur Umgangssprache zu machen, hat in Palästina andere Verhältnisse angetroffen als in der Diaspora. In Palästina gab es eine sehr stark gemischte jüdische Gesellschaft. Alle jüdischen Stämme der Diaspora trafen sich hier: Askenasim, Sefardim, Perser, Jemeniten, Grusinen, Syrer vom Urmia-See, die alle gesonderte Mischsprachen hatten. Was wunder, daß das Bedürfnis nach einer Vermittlungssprache bestand, und was natürlicher,

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