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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 274

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Micha Josef Berdyczewski
Date
1918-01-01
Page
274 (sequence 9)
Language
German
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274 Baruch Krupnik: Teile eines Volkes in die Fremde auswandern, bleibt noch eine politische Bürgschaft in denen, die im eigenen Lande bleiben und ihre Landeskultur pflegen. Die im Lande Gebliebenen schützen auch die draußen Wohnenden, oder mindestens bleiben sie doch bestehen, während die draußen einem Untergang entgegensehen. Aber wehe dem Volke, dessen Fuß völlig von seinem Boden entfernt und das ganz im Exil ist... Wir wissen, daß es bei uns solche Gebote gibt, die vom (Heiligen) Lande abhängig, und solche, die vom Lande nicht abhängig sind. Wir haben aber eines vergessen: wenn wir in die Fremde gehen, unter anderen in ihrem Lande zu wohnen, so haben doch diese anderen auch Gebote, die an ihr Land geknüpft sind, und Pflichten, die an ihrem Lande haften, und diese Gebote und Pflichten müssen wir erfüllen, solange wir in ihrem Schatten hausen und den Ertrag unserer täglichen Arbeit genießen." (Bachomer ubaruach 20.) Und wie, wenn wir eine jüdische Kulturautonomie in der Diaspora erringen werden? — „Eine nationale Autonomie kann nicht ohne ewiglich bewohnten Boden existieren. Eine nationale autonome Verwaltung kann nicht existieren, wenn sie dabei nicht sozial, wirtschaftlich und bodenständig ist, d. h. wenn die Einzelnen nicht mit dem Boden, wo die Autonomie bestehen soll, historisch und organisch verwachsen sind. Sonst bleibt jede Autonomie, wenn sie schon gewährt wird, bloß eine abstrakte Schöpfung und eine bestandlose Luftsache" (daselbst 18). Diese Auffassung vertieft Berdyczewski noch mehr in den folgenden Worten: „Es gibt nicht Heiliges ohne Profanes; es kann kein jüdischer Sabbat existieren, wo nicht das Leben an den Werktagen wirtschaftlich und erdhaft jüdisch ist, so daß dieses Leben sich dem Sabbat anschließt und ihm zur Voraussetzung dient, von der er erst genährt und gestützt wird. Unsere Frommen wußten, daß die Lehre Mosis gänzlich im Boden begründet, auf dem Leben im Lande und vom Ertrag des Landes aufgebaut ist, daß selbst diejenigen Mizwot, die vorschriftsmäßig nicht von Palästina abhängig sind, doch dort gegeben und verwurzelt sind. Eine geistige und materielle, national selbständige Kultur kann nicht ohne nationalen Grund und Boden existieren, ohne einen sozial-geschichtlichen greifbaren Jungbrunnen, der alles Geistige und Materielle bewässert ... . Das Volk ist eine seelisch-materielle bodenhafte Gemeinschaft und ans Materielle und Erdhafte festgeknüpft. Wenn wir bis jetzt ohne Land bestanden, so doch weil wir ein Land erhofften; wenn wir nicht unter unserer Weinrebe und unserem Feigenbaum saßen, so lebten wir in der Hoffnung, dereinst unter ihnen zu sitzen, und mag es erst am jüngsten Tag, am Messiastag sein. Es gibt keine Seele ohne Körper und kein Volk kann ewig ohne Land existieren, ohne Land zu bewohnen" (Daselbst 19). Berdyczewski findet, die trostlose Aussicht einer jüdischen Existenz im Galut werde sich in der Epoche der Nationalitätenauflebung in Europa noch steigern. „Wenn wir noch als religiöse Gemeinschaft in den Zeiten der geistlichen Herrschaft irgendwelchen Schutz hatten, so wird es uns als Nation schwerer werden in den Zeiten der Erstarkung des nationalen Geistes, wo jedes Volk als solches historisch auftritt. Bei einer sozialpolitischen Ordnung, die über den Stämmen und Rassen steht, kann auch ein anderer den Kopf hineinstecken und .mit oder ohne Zustimmung seinen Platz behaupten. Wo aber Stämme zu ihren Fahnen halten und auf ihre Fahnen schwören,* da ist es einem Fremden schwer als Eingeborener zu gelten, wenn er nicht ganz Eingeborener sein will" (Daselbst 54). Das Leben im Galut ist somit für den Juden eine wahrhafte geistige Folter.

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