Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 273 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Micha Josef Berdyczewski 273 das völkisch-soziale Alphabet entbehren zur Bildung der großen Worte, nach denen das Volk strebt" (Mijme hamaasse [Aus Tagen der Taten] Breslau 1908, S. 12). Oder an einer anderen Stelle („Bachomer ubaruach" [Materielles und Ideelles], Breslau 1908, S. 24): „Gewiß ist es ein großartiges Schauspiel, zu sehen, wie Moses die Tafeln, von Gottes Finger beschrieben, wegwirft und unter dem Berge zerschellt. Aber stellen wir uns vor, daß in dem Moment, da er hinuntersteigt, der Berg unter ihm zusammenstürzt und er fällt und die Tafeln entzweibrechen ... So ist unser Los, das Los der Juden im Galut, das Los seiner Schriften, seiner Denker und Dichter und aller, die Gotteshauch innehaben. Die Seele lechzt nach Großem und unser Körper hat keinen Bestand." Ein eigenes Alphabet haben wir nicht Und wenn wir doch Tafeln zustande bringen, zerbrechen sie. Das klingt symbolisch, ist aber so konkret wie nur möglich. Und Berdyczewski kommt darauf immer wieder zurück, immer wieder neue Spaltungen entdeckend. „Im Exil sind wir alle, in allen Ländern und Weltteilen wohnen und handeln wir seit Generationen; wir sind von einvund derselben Abstammung, von ein und demselben Geist, gewissermaßen auch von ein und derselben Vergangenheit. Aber ob auch von ein und derselben Zukunft? — Das ist die Frage . . . Die Breiten sind verschieden und die Sprachen sind verschieden und die Umstände sind verschieden, jedes Land hat seine Lebensart, seine Gruppierungen, seine Bewegungen ... Die deutschen Juden sind sehr entfernt von den jemenitischen und die polnischen von den römischen . . . Wer mag die Verteilungen und Gliederungen nach den verschiedenen geistigen Strömungen und verschiedenen Staaten aufzählen .. . Einem Gott sollen wir dienen, und in unseren Lebensumständen stoßen viele Götter aufeinander. Eine Lehre soll man uns gegeben haben, wir aber haben viele Lehren und Kulturen und sind in viele Stämme aufgeteilt, deren einer dem anderen nicht gleicht und deren Zukunft ungleich ist. Und da sagt ihr, wir seien ein Volk . . (Bachomer ubaruach 48—49). Der Grundgedanke findet sich auch bei Achad Haam, der sagt, wir hätten zwar nicht das Aufgehen der Juden in den Mehrheitsvölkern zu fürchten, wohl aber das Zerfallen der Judenheit in unorganische Stämme nach der Staats- und Kulturzugehörigkeit. Berdyczewski sieht diesen Zerfall bereits als Tatsache. Und merkwürdig: noch als er ein Kalbmaskil war und die Tora mit der Haskala zu verkoppeln trachtete, fiel es ihm schon auf, daß selbst die alte Judenheit nicht einheitlich war: „Betrachten wir beispielsweise das große russische Reich, wo der größte und maßgebende Teil der jüdischen Nation wohnt, — kann man hier sämtliche Juden mit einen Blick umfassen? Wir haben Kaukasusjuden, sibirische Juden, kurländische, livländische, die in verschiedenen Umwelten leben und sämtlich verschiedene und Sonderprobleme haben. Und die Bewohner des jüdischen Zentrums — haben denn die eine Physiognomie? Polen ist eine Sache für sich, Ukraine-Wolhynien eine für sich, und alle beide sind sie grundverschieden von Litauen und Samogitien. Sodann zerfallen denn nicht die Einwohner jedes Gebietes in Fromme und Assimilanten, Konservative und Fortschrittler?" (Bethamidrasch, Krakau 1888, S. III—IV). Nichts ist falscher, als zu erwidern, das Gleiche sei ja auch bei anderen Völkern. Denn überall gibt es ein gemeinsames Absolute, auf dessen Grunde alle Relativitäten sich entfalten können. Daß wir uns mit den auf ihrer Scholle normal lebenden Völkern nicht vergleichen können, ist klar. Aber selbst „wenn