Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 272 (sequence 7)
- Language
- German
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272 Baruch Krupnik: was kaum richtig ist. Er ist von Nietzsche zweifellos beeinflußt worden, kann aber nicht als sein Jünger gelten. Seine Bekämpfung der allzuvielen jüdischen Geistigkeit und Gottesabhängigkeit ist von seiner Bewunderung der arischen weltlichen Kultur überhaupt abzuleiten. Seine götterstürmerischen geschichtsphilosophischen Betrachtungen*) stehen nicht im Zentrum seiner Gedankengänge und finden oft ihre Widerlegung in seinen anderen Betrachtungen. Widersprüche finden sich bei Berdyczewski, dem Lyriker katexochen, überhaupt häufig. So hat er z. B. seine Meinung über den Chassidismus radikal geändert. Von einem begeisterten Mitanreger zum Neochassidismus wurde er in den allerletzten Jahren zum Kritiker des chassidischen Lebens und Schaffens (im Sammelbuch „Heatid", V, 1913, Berlin). Aber selbst seine Neigung zum Chassidismus bewegte sich nur an der Peripherie seines Weltschauens. Er gab damals einen Sefer Chassidim heraus (Warschau, 1900), wo chassidische Legenden ausgewählt, nacherzählt und eingeleitet sind. Sonst bringt er nie den Chassidismus in Zusammenhang mit seinem Suchen und Finden. Ebenso wenig wie man von Berdyczewski als von einem jüdischen Nietzscheaner sprechen kann, kann man von ihm als Neochassid sprechen. Im Mittelpunkt seines Wesens stehen allein Neohaskala und Galutverneinung, und zwar letzteres womöglich mehr als das erste. Es ist dabei interessant, daß sein Rückfall in Antichassidismus aus Galutverneinung geschieht, indem er in den heftigsten Ausdrücken die Geducktheit und Verwilderung des Ghettos bemängelt. Dieses Verhältnis soll aber nicht etwa mit dem Verhältnis von Graetz und jener ganzen Epoche zum Chassidismus verwechselt werden. Denn das tertium comparationis ist ein anderes: während Graetz z.B. die Westjuden seiner Zeit zum Ideal einer jüdischen Gemeinschaft erhob und danach das mittelalterliche Judentum und das polnische seiner Zeit beurteilte, schwebt Berdyczewski ein ganz anderes Idealgebilde vor, das vom gegenwärtigen Stand der Ost- und Westjudenheit gleich entfernt ist. Es ist von Interesse, daß er die Kabbala, die in Palästina ihren Höhepunkt erklomm, gegenüber dem Chassidismus vorzieht, indem er von der chassidischen Galut-Umwelt sagt: ,,Auch das Land des R. Jizchak Lurja und das Firmament der Safeder Kabbalisten samt dem Anblick der Ahnengräber war nicht da" (Heatid V, 1913). Das gesamte Galut verneint Berdyczewski in all seinen Dimensionen und Formen. Er läßt sich auf keine Kompromisse ein. Das Galut ist eine Not, und nie kann es als eine Tugend bewertet werden. Nie lebten wir im Galut ein echtes menschliches und völkisches Leben. Jetzt aber ist es unerträglich geworden; ganz war es nie, jetzt aber ist es in tausend Stücke zerschmettert Zerschmettert, nicht zergliedert. Wo ist denn die Körperschaft, die alle unsere Glieder vereinigt? Ja, wo ist denn ein einziger Jude, der wenigstens mit sich eins, innerlich ganz ist? Wann war wie jetzt das Wort des Propheten zutreffend, daß „von der Fußsohle bis aufs Haupt nichts Gesundes an ihm ist"? Bei der jetzigen Lage des zerstreuten und zerklüfteten jüdischen Volkes ist keine Rede von Bestrebungen zur sozialen Besserung, zur schöpferischen Volkstümlichkeit innerhalb der Judenheit. „Die jüdische sozial-völkische Frage und ihre Mängel hängen gar nicht davon ab, daß die Juden nicht die allervollkommenste und gerechteste Gesellschaft bilden, sondern davon, daß wir gar keine Volksgenossenschaft darstellen und, nach den gegenwärtigen Bedingungen, *) S. Dr. D. Neumark: „Die jüdische Moderne" in „Allgemeine Zeitung des Judentums", 1900, Nr. 45.