Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 271 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Micha Josef Berdyczewski 271 jüdische Gesamtheit im Galut Geistesgebilde. Der Angehörige eines anderen Volkes gehört seiner Gemeinschaft unbewußt zu; die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke in seiner Zerstreuung ist etwas, dessen man sich bewußt sein muß. Die Straffheit der Ghettoorganisation war nur der Ersatz einer natürlichen Gemeinschaft. Und da dieser Ersatz wiederum auf psychologischen Voraussetzungen beruhte, auf religiöser Disziplin, so folgt dem Verfall der religiösen Autorität unweigerlich die Auflösung, die Ätomisierung der Judenheit. Berdyczewski weiß, daß die Ghettojudenheit nicht allein durch Religion, sondern auch durch äußeren Druck zusammengeschweißt war. Es ist aber sehr bezeichnend für ihn, daß er sich nie über die Judenleiden und die Rechtlosigkeit ausläßt. Unausgesprochen stimmt er mit Achad Haam überein, daß die jüdischen Leiden als allein von der Umgebung abhängig, nur durch Wandlungen, die sich in dieser Umgebung vollziehen, aufhören oder gemildert werden können. Das sind jedenfalls Sorgen, die den Einzelnen mehr berühren als die Gesamtnation. Was für Berdyczewski wichtig ist, das ist die Tatsache, daß gerade, wenn die Juden aufatmen, die Fugen der jüdischen Gemeinschaft krachen. Daß so ein Unterschied und eventueller Gegensatz zwischen den Interessen des Einzelnen und der Gesamtheit möglich ist, ist wiederum eine Eigenschaft des Galut. Immer wieder muß man das banale Wort wiederholen, das die Leute so gerne vergessen: Wir sind im Galut. Ebenso banal und ebenso wahr ist es, daß Menschen sterblich sind. Wehe dem, der das gänzlich vergißt. Er wird in seinem „Optimismus" vielleicht mehr schaffen, aber nicht so schöpferisch wie der pessimistisch veranlagte, der über den Tod nachdenkt. Unsere Eltern hatten es begriffen: wie sie bei der freudigen Sedertafel den Totenkittel anzogen^ „um des Sterbetags zu gedenken'*, so ließen sie auch in ihren Wohnungen einen Wandstreifen schwarz bemalt zum Andenken an die Zerstörung . . . So allseitig, so „liebevoll" wie Berdyczewski hat kein neujüdischer Schriftsteller das Galut behandelt. Achad Haam verneint es auch, verweilt ab er nicht viel bei ihm, weil er mit Bejahungen beschäftigt ist. Berdyczewski aber wühlt in der Wunde. Außerdem negiert Achad Haam vorwiegend das Galut der Gegenwart und der nächsten Zukunft, solange die Kraft des Ghetto erloschen und die Kraft des Palästinazentrums noch nicht wirksam ist. Berdyczewski verneint auch die Vergangenheit, erst recht die Gegenwart und Zukunft des Galu t. Wie aus den bisherigen Zitaten ersichtlich ist, überzeugt Berdyczewski nicht durch Räsonnement. Ein hebräischer Kritiker nannte ihn einst wegen seiner eigenartigen Novellen einen „lyrischen Erzähler". Man kann ihn mit demselben Recht einen lyrischen Publizisten nennen. Berdyczewski macht aufmerksam auf das, was er schaut, er nimmt das Ergebnis seiner blitzschnellen inneren Ausführungen vorweg; Achad Haam — um die Parallele fortzusetzen — bemüht sich zu beweisen, daß er richtig gesehen hat, zwingt den Leser zuzustimmen, indem er ihm auch den Weg zur Wahrheit zeigt. Berdyczewski ist rein aphoristisch, wenn seine Aphorismen auch mehr als ein paar Zeilen enthalten; Achad Haams Aphorismen sind stets durch einen vorhergehenden Aufsatz belegt, wie eine These durch das Theorem. Die in diesem Aufsatz angeführten Stellen sind nicht vom Kontext losgerissene Phrasen, sondern Ausbrüche von Gedanken, wie es etwa Nietzsches Ausdrucksform häufig war. Berdyczewski gilt übrigens in der hebräischen Literatur als „Nietzscheane r",