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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 270

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Micha Josef Berdyczewski
Date
1918-01-01
Page
270 (sequence 5)
Language
German
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270 Baruch Krupnik: Bücher andere sind, in der Sache selbst aber sich nichts geändert hat ... Er ist fremd dort wie hier, in den Lehrschulen der väterlichen Lehre und in denen der Wissenschaft anderer Völker" (Mibajit umichuz 20). Denselben Gedanken finden wir prägnanter ausgedrückt in folgenden Zeilen: „Vielleicht sind auch den anderen Proselyten unwillkommen, vielleicht entweihen wir ihren Tempel, wenn wir Orientalisches nach dem Okzident bringen" (Din udewarim [Polemisches], S. 50). So steht Berdyczewski vor dem Abgrund. Das alte Judentum ist für ihn wüst und leer, nicht weiter lebensfähig, aber es ist Eigenes, ja das einzige Eigentum, und es ist schwer, sich von ihm zu trennen. Die europäische Kultur ist schön und gesund, ob aber für uns angemessen? Kein Vorwärts und kein Zurück. Aber inzwischen leben doch Juden, handeln, beten und hoffen. Es gibt doch ein Massenleben im Osten, mit einer Literatur in zwei Sprachen; es gibt doch eine jüdische Wissenschaft im Westen. Wo Millionen leben, wo obere Zehntausend schaffen, kann man so verzweifelt sein? Stehen wir hier nicht vielmehr vor ungeahnten Möglichkeiten? Wird sich das in allen Farben schillernde jüdische Gemeinschaftsleben nicht schöpferischer erweisen als das Sinnen der Einzelnen? Hier setzt die reale Publizistik Berdyczewskis ein, die uns in diesen Zeitläuften vorwiegend zu beschäftigen hat. Die Juden aller Welt stehen vor einer Epoche der Taten. Nicht akademische Formulierungen des Wesens des Judentums sind es, auf die es jetzt in erster Reihe ankommt, sondern es gilt, die jüdische Gemeinschaft um- und neuzubauen. Man wird bei Berdyczewski wenig Positives finden über die richtige Bauart, man wird aber von ihm lernen können, was zu unterlassen ist, was nicht lohnend, was Sisyphusarbeit ist. Man wird auch bei ihm lernen, sich nicht mit wenigem zu befriedigen, sondern alles zu verlangen. Man soll beileibe nicht nach Bsrdyczewskis Programm handeln, das hieße nichts tun; man soll aber nicht an unsere nationale und soziale Arbeit gehen, ohne Berdyczewski gelesen — und mehr als gelesen — zu haben. Man mag in Religionssachen den naiven, dem Zweifel ferngebliebenen Glauben bevorzugen. In der Arbeit für die Gemeinschaft sind überwundene Zweifel eine Tugend, Naivität ein Laster. Es gab eine Zeit, da Berdyczewski sich der Illusion einer lebendigen, entwicklungsfähigen jüdischen Gemeinschaft in der Zerstreuung ergab. Er war damals noch in der Vorstellung befangen, es ließe sich ein Ausgleich zwischen „mäßiger" Aufklärung und „reinem" Glauben herstellen. Aber schon damals merkte er mit seinem analytischen Scharfblick, daß der einzige Halt der Gemeinschaft in der Zerstreuung die Überlieferung und die überlieferte Lehre sind. „Die übrigen Völker sind durch verschiedene Bänder zusammengeknüpft, durch die Bindung der einheitlichen Sprache, durch eine gemeinsame Ordnung und Verfassung, durch die Fügung einer bürgerlichen Gesellschaft, aber worin besteht die jüdische Welt außer dem engen Kreis seiner Lehre und Geschichte?" (Jahrbuch „Haassif", Warschau 1888). Berdyczewski will damit sagen, daß selbst die „wirkliche" jüdische Gemeinschaft im Galut bodenlos ist, sofern sie ausschließlich auf psychologischen Momenten beruht, wie Stammesgefühl, gemeinsame Überlieferungen, nicht aber auf natürlichem, organischem, nichtwegzudenkendem Grund. Man könnte diese Tatsache etwa so formulieren: während andere Völker Naturgebilde sind, ist die

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