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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 269

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Micha Josef Berdyczewski
Date
1918-01-01
Page
269 (sequence 4)
Language
German
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Micha Josef Berdyczewski 269 ergeben zu sein, rennt Berdyczewski gerade gegen diesen Geist an, gegen das Gebundensein an diesen Geist. „Nicht die Idee der Opfer, die wir massenweise am Altar unserer Volksexistenz im Verlauf unserer tragischen Geschichte darbrachten, berührt uns, sondern deren große Wirkung auf die Seele der Juden, eine tiefe, durchgreifende Wirkung, die in alle Ewigkeit nicht verwischt werden wird" (Nemuschot [Nachträgliches], Warschau 1899, S. 30). Eine klare Aussage, die man aber nicht verwechseln darf mit dem formalen Judentum, wie es von manchen jungen Zionisten im Osten und Westen vertreten wird*). Berdyczewski würde sich mit allen Kräften gegen eine Doktrin sträuben, die die Juden in ein Land verpflanzen will, wo sie in den Tag hinein leben werden und wo schon von selbst irgend ein Judentum herauskommen wird. Er sagt es einmal direkt, aus Anlaß des Herzischen „Judenstaats": „Juden ohne Judentum, ohne einen Geist, der von ihrer langen Geschichte herüberströmt, sind ein Ding der Unmöglichkeit Nur allmählich wird ein Volk regeneriert. Jede Spanne, die es in seinem Wiedergeburtskampf erobert, bildet ein ganzes Glied in seinem Geschichtsgang, das mit den vorigen Gliedern der Kette zusammenhängt. Wer aber ein ganzes Volk über Nacht von Grund aus umbauen will, der irrt sich" (Monatsschrift „Haschiloach", Bd. I, Berlin 1896, S. 98). Der Widerspruch zwischen dem Streben nach einer Umwertung und dem Bewußtsein, daß es nicht ohne weiteres geht, daß es aber auch an einer tragfähigen Unterlage für eine Entwicklung mangelt — dies eben bildet den tragischen Zwiespalt, den „Riß", in den Berdyczewski sich immer mehr vertieft, aus dem er aber keinen Ausgang findet. Es geht nicht ohne weiteres vor allem aus seelischen Gründen. „Was ich nicht leiden mag, das liebe ich überaus; was ich zertrümmern will, kann ich nicht zertrümmern .. . Ich möchte unsere Gräber zerstören und in unseren Boden neues, schönes Leben pflanzen; aber im selben Augenblick, gerade im Moment des Zerstörens, vernehme ich die Melodie der begrabenen Skelette . . ." (Arachin 95). Der maskilische Rationalismus hatte sich um solchen Seelenschmerz wenig gekümmert. Er begriff richtig, daß die Judenheit und folglich auch das Judentum sich die europäische Zivilisation und eine weltliche Kultur aneignen müssen. Es dünkte ihn aber nur vom guten Willen des Volkes abzuhängen. Die Sache an und für sich schien so leicht zu sein wie nur möglich. Man schneidet Bart und Kaftan kurz, man lernt die Landessprache — und die Hauptsache wäre getan. Von Bart und Kaftan etwa rührend Abschied zu nehmen, fiel niemand ein, eben weil es sich bloß darum handelte. Die Neohaskala aber, die viel mehr als Bart und Kaftan beschneidet, schaut sich rückwärts um, voll Sehnsucht nach dem lieben Alten, um so mehr, als das Neue so nebelhaft erscheint, so ungewiß, ja so unmöglich. Das orientalische jüdische Volk soll sich der europäischen Gesittung anschließen, der es Jahrtausende widerstrebte. Ja, ist es denn ein Zufall, daß es so lange widerstrebte? Ist unser Volk nicht vielmehr immanent ganz anders veranlagt, als es die europäischen Völker sind? Berdyczewski erzählt von einem seiner Helden, einem ostjüdischen jungen Manne, der im Westen studiert: „Allmählich sieht er ein, daß bei ihm bloß die *) S. M, Biieski: Achad-Haam, Darstellung und Kritik seiner Lehren. Berlin 1916.

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