Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 268 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Baruch Krupnik: Daß diese apokalyptische Stimmung weniger auf kosmischer als auf nationaler Grundlage beruht, folgt nicht nur aus dem Anklang an jenen Schrei von den letzten oder ersten Juden, sondern auch aus zahlreichen anderen Äußerungen Berdyczewskis, wo er der gegenwärtigen Stunde in der jüdischen Geschichte unerhörte Wucht beimißt „Diese Stunde, in der wir uns befinden, ist nicht wie gestern, noch wie vorgestern und vormals — sie hat ihresgleichen in keiner Zeit, seit wir im Exil umherirren" (Arachin 19). Und deutlicher über den Charakter dieser Epoche: „Können wir leugnen, daß wir uns letztens kritischen Zeiten gegenübersehen, die ihresgleichen nicht hatten, seit wir im Exil sind? Können wir die Umwälzung von Grund aus verbergen, die in unserem nationalen und menschlichen Leben stattgefunden hat?" (Daselbst 46). Auf diese stattgefundene Umwälzung kommt es an, und zwar ist es eine doppelte Umwälzung, in der objektiven Sachlage und in der subjektiven Gesinnung. Beides drängt zur Entscheidung. Beides wird auch von Achad Haam behandelt, nur hebt er mehr die objektive Seite hervor, Berdyczewski dagegen die subjektive. Damit ist Berdyczewski ein Fortsetzer der Haskala, die in ihrem guten Kern noch nicht überholt ist, wie sentimentale Naturen vermeinen. Die ästhetischen und taktischen Sünden der alten Haskala, ihre schlechten Manieren brachten sie in Verruf. Berdyczewski greift ihre Grundlosungen auf, und siehe: nicht nur unvergleichlich tiefer, geistreicher, talentvoller tritt er auf, sondern auch radikaler, weitgehender. Während man sonst entweder die Haskala verwirft oder mit ihr Kompromissev eingeht und Synthesen sucht, verschärft Berdyczewski die haskalische Antithese zum alten Judentum viel stärker, als es die biederen Maskilim sich je träumen ließen. Oder wagte es je ein Aufgeklärter, solche lapidaren Sätze hervorzubringen: „Das jüdische Wissen, die jüdische Religion sind bloß Sonderteile, die dem Willen und den Neigungen Einzelner überlassen sind. Das Volk Israel aber steht über all diesem und geht all diesem voran" (Arachin 23). Und ebenda: „Laßt uns Israel restaurieren, wie es vor dem Gesetze war." In der Tat, die junge, europäisch angehauchte, nationale Judenheit (nur von der nationalen ist hier die Rede, wie das Nationale überhaupt im Gedankengange Berdyczewskis eine Selbstverständlichkeit ist, eine Voraussetzung) ist entweder überhaupt areligiös, oder, wenn religiösen Stimmungen zugänglich, nicht unbedingt an überliefert jüdische gebunden. Ein Beispiel für solche Religiosität bei Berdyczewski selbst ist folgendes Bekenntnis über den Sinn des Bekenntnisses (Arawim [Abende], Breslau 1910, S. 39): „Das Bekenntnis ist keine moralische Kraft, sondern eine poetische, eine tat- und lebensvolle Offenbarung. Die Moral ist zwar die Form des Bekenntnisses, aber nicht sein Ursprung und Grund. Das Bekenntnis ist ein Sichaussprechen der Seele und ihr dichterischer Aufbau." So ziemlich das Gegenteil von dem, was ein frommer Jude geschrieben hätte*). Während die Haskala sich hauptsächlich gegen die Lebensformen der Juden ihrer Zeit empörte und dagegen behauptete, dem „jüdischen Geiste" besonders *) S. auch das deutsch geschriebene Werk Berdyczewskis: „Über den Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik". Bern 1897.