Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 265 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Chronik 265 Volkes, die vielmehr anknüpft an die ganze jüdische Vergangenheit und die orientiert ist an der jüdischen Zukunft als organische und sinnvolle Fortsetzung dieser Vergangenheit. Als die kostbare Erbschaft unserer Historie, als die sinngebende Form unserer erneuerten Zukunft, nur so erhalten Zion und Hebräisch ihren legitimen Sinn. Schärfer gesagt: ein jüdischer Nationalismus, der nichts anderes als die Erhaltung des Volkes will, muß Zion und Hebräisch mit Recht ablehnen; nur der jüdische Nationalismus, der das Volk erneuern will, kann seine Ideologie auf Zion stützen. Es manifestiert sich hier ein scheinbar Paradoxes, aber im Grund uralt Wahres: wer nur erhalten will, zerreißt den inneren Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft, schafft ein sinnlos Neues, verstümmelt und zerstört. Nur der Erneuernde setzt fort. Ein Volk ist ein historisches, ein organisches Wesen; es bewahrt sich in seiner Einheit und Kontinuität, indem es fortschreitet und sich wandelt. Seine bedingungslose Erhaltung in seiner Gegebenheit ist in Wahrheit seine Zerstörung. Gilt dies für alle Völker, so ist dies für das jüdische Volk im Galut die zentrale Wahrheit seines Daseins. Im Galut leben heißt in prinzipieller Ablehnung aller Gegebenheit leben; denn das Galutbewußtsein ist die negative Einstellung zur gegebenen Daseinsform als einer vorläufigen, innerlich falschen und sinnlosen. Dies ist heroische Leistung des Galutjudentums: durch Jahrhunderte hindurch die negative Haltung seiner Daseinsform gegenüber, durch zweitausend Jahre hindurch sein Ja für Zion bewahrt zu haben, für etwas, das in urferner Vergangenheit oder in urferne Zukunft verschwand; zweitausend Jahre hindurch alle Realität abgelehnt zu haben aus Treue für ein Ideal. Diesem Heroismus, diesem Sinn unserer Galutexistenz will der Nationalismus der Galutbejahung ein Ende machen, und damit das Spezifische, Weseneigentümlichste unserer Geschickte und unseres Daseins vernichten. Der Kampf geht um den Mythos unseres Daseins (daß die Parteien der Galutbejahung in ihrer Ideologie und Weltanschauung materialistisch, naturwisssenschaftlichmechanistisch orientiert sind, ist nur natürlich und bedeutsam); es geht um die Seele unseres Volkes. Wenn je der Satz galt, daß auch ein Volk die Wurzel seiner Existenz in seiner Seele besitzt, nicht aber in den äußeren Formen, Tatsachen und Gegebenheiten seiner Existenz, so gilt er hier. Dies gezeigt zu haben, in einer Form und Schärfe, die das Problem allen klarstellt, ist die historische Bedeutung des Kiewer Nationalrats. Wenn die erste jüdische Autonomie nur dies eine bewirkt hat: das Vorhandensein dieses Problems und seine Tragweite offenbart zu haben, so hat sie dadurch allein schon bleibenden Wert. Die Auseinandersetzung ist naturgemäß keineswegs beendet, das Problem nicht gelöst. Der Kampf, wie er in Kiew in solcher Heftigkeit ausgetragen wurde, wird heute in allen ostjüdischen Zentren gekämpft und wird die nächste Zukunft des jüdischen Lebens immer stärker beherrschen. Denn es gibt in ihm kein Kompromiß, sondern nur eine Entscheidung: Bekenntnis zur historischen Kontinuität und zum Sinn unserer nationalen Existenz oder Preisgabe unserer Vergangenheit und Zukunft und Bildung eines neuen jüdischen Volkes. Ich weiß nicht, wie stark die Anhängerzahl der linken Parteien innerhalb des ukrainischen Judentums ist; weiß auch nicht, inwieweit ihre Anhänger die Tragweite ihres Programms erfaßt haben. Dessen aber darf man sicher sein, sofern man an die Vitalität und Gesundheit des Judentums glaubt: die Majorität des jüdischen Volkes ist nicht auf ihrer Seite. (Die Taktik der Linken in Kiew 20*