Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101144-3103553--2601-3103586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
264 Amitai: In der Tat: nichts Geringeres als dies war es, worum in den Sitzungen des jüdischen Nationalrats in Kiew gekämpft wurde, und nichts kennzeichnet die Bedeutung dieses Problems der Stellungnahme zum Galut stärker als eben dies, daß es das zentrale Problem ward, dessen Lösung sich der ersten jüdischen Autonomie von selbst als die dringendste Notwendigkeit ergab, hinter die alle dringenden Aufgaben der Stunde zurücktraten. Und wo immer in den Gastländern die Judenheiten nationale Autonomie erhalten und daran gehen werden, das nationale Dasein im Galut ordnen zu wollen, wird dieses Problem mit Notwendigkeit wieder aktuell werden. Die Kämpfe innerhalb des Kiewer Nationalrats sind nur Anzeichen und Vorspiel eines beginnenden großen inneren Kampfes, der die gesamte nächste Zukunft des Ostjudentums, des jüdischen Volkes überhaupt beherrschen wird, des Kampfes um unsere Stellung zum Galut. In dem Maße, als die Notwendigkeit der Sicherung unserer nationalen Daseinsformen im Osten stärker, in dem Maße aber auch, als Palästina uns greifbarer, näher, konkreter wird, wird auch diese Klarstellung dringender. Wir sind seit zweitausend Jahren ein Galutvolk. Durch die Jahrhunderte des Exils war unser Volk sich bewußt, pben im Exil, im Galut zusein: bewußt, daß seine Heimat nur Palästina ist und die Diaspora nur in Zion enden kann. Und in notwendiger Verknüpftheit damit war und blieb Hebräisch seine nationale Sprache, während alle Galutsprachen, die es annahm, alle Formen des Jiddischen, nur Galutsprachen sein sollten. Kommt nun ein neuer jüdischer Nationalismus und verwirft Zion und verwirft das Hebräische, so konstituiert er ein neues Volk, ein neues jüdisches Volk, das kein Galutvolk mehr ist, das mit dem alten jüdischen Volk die drei entscheidenden Kriterien des Volkstums nicht mehr gemein hat: das Vaterland, die Sprache und die historische Tradition. Kein Wunder, daß die Orthodoxie in Kiew Hand in Hand mit den Zionisten ging; gekämpft wurde dort um die Wahrung der jüdischen Tradition, im umfassendsten, im höchsten Sinne dieses Wortes, um die Wahrung der Kontinuität, des inneren Sinnzusammenhanges unserer Geschichte und unserer Existenz. Man sieht, von welch ungeheurer Bedeutung der Kampf ist, der im Kiewer Nationalrat ausgetragen wurde. Es ist der entscheidende innere Kampf des modernen Judentums. Die Auseinandersetzung mit der Assimilation und der erstarrten Orthodoxie sind ja keine wirklich zentralen innerjüdischen Probleme; sind lediglich Vorbereitungen für die Bildung eines wirklich jüdischen Lebens. Der zentrale innerjüdische Kampf unserer Zeit beginnt erst da, wo das Judeseinwollen selbstverständliche Voraussetzung, wo das nationale Bekenntnis die Basis ist. Und hier geht es um die Frage: wenn wir das Judentum als Nation bewahren wollen, welche Nation soll es sein, die alte historische oder eine neue, rein nationale im Sinne der europäischen Nationalismen? Hier stehen wir beim Entscheidenden dieser Auseinandersetzung. Was sich in Kiew gezeigt hat, ist die innere Gefahr des formalen Nurnationalismus für unser Volk. Was die linken Parteien vertreten haben, ist ein solcher Nurnationalismus in radikalster Konsequenz. Denn nur formal national angesehen, wozu bedarf es Zions, wozu des Hebräischen? Bedeutet Nationalismus die Bejahung, die Erhaltung des gegebenen jüdischen Volkes, wie es ist, so ist eben das Galut seine Daseinsform, so ist Jiddisch seine Sprache. Zion, Hebräisch, die Kontinuität der jüdischen Tradition sind nur zu wahren auf Grund einer Ideologie, die mehr ist als eine Bejahung der gegebenen nationalen Existenz des jüdischen