Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 266 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Baruch Krupnik: zeigte* daß sie sich auch dort in der Minorität wußte.) Was noch nationalen Instinkt im Judentum hat, was noch im Mythos unseres Daseins verwurzelt ist, wird an der Galutverneinung des Judentums festhalten und sein Ja nur zu Zion sagen. Galutverneinung, dies heißt nicht Kampf gegen die Lebensform des Galut, nicht Kampf gegen Jiddisch. Beide sind nationale Surrogate, Stützen unserer nationalen Existenz, solange wir im Galut sind. Sie sind als solche zu wahren und zu pflegen; sind aber niemals restlos zu bejahen. Dies aber sei uns die Lehre aus dem Kapitel der jüdischen Autonomie in der Ukraine: zu erkennen, zu welchen Konsequenzen der Nurnationalismus, übernommen vom modernen Europa und mechanisch auf uns übertragen, führt. Er ist der wahrhafte, gefährlichste und furchtbarste Feind unserer Zukunft Nicht die Assimilation ist die Gefahr, nicht die erstarrte Orthodoxie, sondern gerade dieser Nationalismus, der das jüdische Volk bewahren will in seinen Einzelgliedern, es aber preisgibt in seiner Kontinuität, in seiner Tradition, in seinem Sinn und Mythos; der die jüdische Gegenwart perpetuieren will und nicht instinktsicher und heroisch genug ist, sie im Namen der Vergangenheit und Zukunft zu verneinen. Jahrzehntelang hat der Prozeß der Nationalisierung des Judentums gewährt. Er war notwendig, um eine neue Form und Ideologie unserer Existenz zu schaffen, die beides durch den Zusammenbruch des Ghettos verloren hat. Es beginnt jetzt das zweite Stadium: das der Überwindung dieses Nationalismus in seiner bisherigen formal-nationalen Form, der Prozeß der Judaisierung unserer nationalen Ideologie, ihrer Einfügung in die Geschichte und Tradition unserer Volksexistenz. In Kiew hat dieser Prozeß zum ersten Mal zur klaren und scharfen Scheidung der Geister geführt. Was dort geschah, ist Vorbild und Wegweiser. Die nächste Zukunft wird dieser Aufgabe gelten müssen: aus der Synthese von Nationalismus und Judentum die neue Ideologie und Form unserer Zukunft zu finden. Amitai MICHA JOSEF BERDYCZEWSKI Seine Wahrheiten und Dichtungen Es gibt in der Gegenwart kein jüdisches Gemeinschaftsleben. Nicht im Westen, nicht im Osten und nicht in Palästina. Was man etwa im Osten jüdische Gemeinschaft nennt, sind nur Trümmer oder Bruchstücke der wirklichen (Martin Buber, Der Jude I, S.792). Wer im Wirbel des jüdischen Sturms und Drangs unseres Zeitalters sein Gleichgewicht bewahren will, der findet den ruhenden Pol in der erquickenden, wahrhaft belehrenden Wahrheit Achad Haams. Wer aber in den Krater selbst hinabsteigen und das innere Brodeln und Gären wahrnehmen will* der greife zu den ätzenden Wahrheiten des intimsten zeitgenössischen hebräischen Schriftstellers, Micha Josef Berdyczewski. Berdyczewski lehrt nicht, sondern lernt; er beantwortet weniger als er fragt. Man möchte sagen: er beichtet. Seine Werke machen den Eindruck einer un-