Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Chronik
Date
1918-01-01
Page
263 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101144-3103553--2600-3103585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Chronik 263 lieh. Nicht minder interessant ist die andere Tatsache, daß die Orthodoxie an der Seite der Zionisten zu finden war. Auch der im Westen existierende Gegensatz von Zionismus und Orthodoxie ist dort unbekannt, weil die verkrüppelte Erscheinung einer Orthodoxie, die religiös ist, ohne national sein zu wollen, die die Form wahrt, ohne um deren Sinn zu wissen, die an Traditionen festhält, ohne am Leben, das sie schuf und durch die Jahrhunderte trug, noch teilzuhaben, im russischen und ukrainischen Judentum nicht existiert. Was bildete nun den eigentlichen Differenzpunkt zwischen den beiden Parteigruppen? Nicht das Soziale, wie man zunächst annehmen möchte. Demokratisch sind auch die Zionisten und Orthodoxen, und sozialistische Probleme fielen gar nicht in die Kompetenz und die Wirkungssphäre des Nationalrates. (Es war gerade eine der peinlichsten und unaufrichtigsten taktischen Methoden der linken Parteien, daß sie das Demokratische als den Trennungsgrund ausgaben und die Zionisten als „Reaktionäre" verleumdeten.) Es ging vielmehr in diesem schweren und ..maßlos heftigen Kampf um rein nationale Probleme, ja um das zentrale nationale Problem im Galut; eben um das Galut selbst und um die innere Stellungnahme zu ihm. Ihre stärkste Ausdrucksform fand dieses Problem in der Frage des Hebräischen und Jiddischen, in der Sprachenfrage. Es ergab sich hier eine ganz klare Scheidung. Die linken Parteien erklärten: Wir lehnen das Hebräische ab; es ist uns bestenfalls die heilige Sprache der Vergangenheit und Ahnen; wir haben zu ihm kein anderes Verhältnis als das der Pietät. Unsere nationale Sprache ist jiddisch; nicht Surrogat und Mittel, sondern die wahre nationale Muttersprache. Wir bejahen sie restlos. Und darüber hinaus und prinzipieller: wir bejahen das Galut, ganz, radikal, restlos, wir leben im Galut, wir wollen in ihm fortleben, als Nation, mit unserer nationalen Sprache und Kultur. Zion ist uns kein Ideal. Wir wollen in der zweitausendjährigen Galutform unsere Zukunft fortsetzen. Dem gegenüber waren die Zionisten und Orthodoxen die Vertreter der Tradition. Sie kämpften für Zion und Hebräisch. Sie bekämpften'nicht das Jiddische, aber sie lehnten ab, es als die einzige und eigentliche Nationalsprache anzuerkennen, und verlangten zumindest die Gleichberechtigung für beide Sprachen. Es ist sehr bedeutsam und vielsagend, daß gerade um diese gemäßigte Forderung der häßlichste Kampf tobte; die Linke wollte die Gleichberechtigung beider Sprachen nicht anerkennen, sie wollte das Hebräische gewaltsam unterdrücken.; als sie an der Herrschaft war (in den Tagen der Bolschewistenherrschaft in der Ukraine), verweigerte das jüdische Ministerium die finanzielle Unterstützung der hebräischen Schulen mit der Begründung, daß sie keine jüdischnationalen Schulen und ebensowenig jüdisch seien wie Schulen etwa mit chinesischer Unterrichtssprache, die zufällig von Juden unterhalten würden. Dieser fanatische Radikalismus in der Haltung der linken Parteien deutet darauf hin, daß sie mit einer neuen extremen Idee auftraten. Es sind immer diejenigen, die ein völlig Neues durchsetzen wollen, radikal, ungerecht und intolerant. Und was diese Parteien im letzten Grunde vertraten und erstrebten, das ist von solch unerhörter Neuheit in unserer Geschichte, daß es, von der Zeit der Abzweigung der Judenchristen abgesehen, kein Analogon dazu gibt; denn ihre Forderungen und Tendenzen gehen auf nichts Geringeres hinaus als auf die Auflösung des bisherigen jüdischen Volkes und die Konstituierung einer neuen jüdischen Nation. Heft 6. 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.