Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101144-3103553--2599-3103584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Amitai: für die große Verantwortung gegenüber der jüdischen Allgemeinheit charakterisierte die Verhandlungen des Nationalrats und die Haltung der meisten seiner Mitglieder. Seine Sitzungen waren von Anfang bis zum überraschend plötzlichen Schluß im Grunde nur eine wütende Polemik, und — das Entscheidende — eine Polemik von jener schlechten, peinlichen, unfruchtbaren und grotesken Art, in der keiner den anderen hören will, sondern ein jeder immer nur seine Meinung wiederholt und hersagt; von jener typischen Form aller schlechten Auseinandersetzungen, die im Grunde nur eine Anzahl von Monologen darstellt, die durchmischt sind von gehässigen Beschimpfungen des Gegners. Schimpfende Monomanen — der Ausdruck mag scharf sein; aber ich habe, las ich die Berichte über die Sitzungen des Nationalrats, oft diesen Eindruck gehabt. Man mag es milder beurteilen; unbestreitbare Tatsache bleibt, daß das ukrainische Judentum, sofern wenigstens der Nationalrat als seine Repräsentanz betrachtet werden darf, sich hinsichtlich der inneren Geschlossenheit politisch unreif gezeigt hat. (Was natürlich nur Böswilligkeit als Begründung und Rechtfertigung für die Abschaffung der Autonomie ausgeben darf, da der Sinn des Autonomiegedankens gerade der ist, daß kein Volk das andere beherrschen, keines das Recht haben soll, das andere durch Gewährung der Autonomie zu belohnen oder durch deren Entziehung zu strafen.) Nach der glänzenden, ans7 Heroische streifenden Haltung der russischen Judenheit in den furchtbaren Nöten der ersten Kriegsjahre, während deren sie gerade durch ihre Geschlossenheit und Solidarität alle überraschte, bedeutet der jüdische Nationalrat in der Ukraine eine arge Enttäuschung, einen Rückfall in Laster, die das russische Judentum (mit dem gesamten jüdischen Volk) vor dem Krieg öfters dokumentiert hat, die man aber durch den Krieg schon überwunden wähnen durfte. Es hat sich eben gezeigt, daß der Krieg das russische Judentum erst durch das erste Stadium der politischen Reife geführt hat: es hat gelernt, in der Not groß und stark zu sein. Das zweite, schwierigere Reifestadium: im Glücke groß zu sein, hat es noch vor sich. Es wird auch dies lernen, wie es das erste gelernt hat, durch das Erleben und die Erfahrung selbst. Der Glückszustand des ukrainischen Judentums war zu kurz, um es innerlich schon zu dieser Reife zu bringen. Und es lernt sich auch im Glück langsamer und schwerer als in der Not. Weitaus bedeutsamer als die Tatsache dieser inneren Uneinigkeit selbst ist ihre Ursache, ist das Problem, an dem die Einigkeit zerbrach. Hier zeigt sich wieder die innere Stärke und Gesundheit des ukrainischen Judentums. Der Kampf, der in den Sitzungen des Nationalrats gekämpft wurde, war, so peinlich auch in der Form, in seinem Inhalt und Sinn groß und bedeutsam; daß er hier radikaler und schärfer ausgekämpft wurde als je zuvor, macht die historische Bedeutung des Nationalrates aus. Es ergab sich von vornherein eine klare Konstellation der Parteien: die sozialistischen und radikal demokratischen Parteien (Bund, Poale Zion, Vereinigte Jüdische Arbeiterpartei und zum großen Teil auch die Jüdische Volkspartei) auf der einen, die Zionisten und Orthodoxen auf der anderen Seite. Schon diese Parteigruppierung zeugt von der Gesundheit des jüdischen Volkskörpers in der Ukraine. Keine Rede war von jenem Kampf, der im Westen doch nahezu den einzigen Inhalt des öffentlichen jüdischen Lebens bildet, vom Kampf gegen die Assimilation. Es gab einfach keine Assimilationspartei im Nationalrat; die positive national jüdische Gesinnung war allen Parteien selbstverständ-