Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 261 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Amitai: Chronik 261 CHRONIK as so stolz begonnene Kapitel der jüdisch-nationalen Autonomie in Regierung wurde das Gesetz der nationalen Autonomien aufgehoben und die nationalen Ministerien (das russische, polnische und jüdische) abgeschafft. So schmerzlich die nach so kurzer Zeit vollzogene Zertrümmerung der ersten jüdischen Autonomie auch ist, sie darf nicht zu tragisch genommen werden. Es war falsch, die Gewährung der jüdischen Autonomie in den ersten Rauschtagen der ukrainischen Revolution zu überschätzen; es wäre falsch, ihre Beseitigung in den nüchternen Nachtagen der Revolution zu überschätzen. Es mußte vielmehr von vornherein klar sein, daß das Ganze, wie alles, was im Osten gegenwärtig vor sich geht, nur Durchgangsstadium und stürmisch sich vollziehende Entwicklung ist, daß der gesamte Osten ein Chaos ist, in dem die Erscheinungen wirbelnd durcheinanderwogen, ohne daß schon ein Definitives, Dauerndes wahrnehmbar wäre. Die Gewährung der jüdischen Autonomie in der Ukraine war in gewissem Sinne ein Zufall; ihre Beseitigung ist es gewiß. Immerhin: auch hier gilt die alte Wahrheit: alles Positive ist dauernder als das Negative, auch wenn beide in ihrer zeitlichen Dauer gleich begrenzt sind. Jeder Akt des Aufbauens wirkt nachhaltiger als der an Intensität und unmittelbarer Wirkung ihm vielleicht gleichwertige Akt der Zerstörung. Die Gewährung der jüdischen Autonomie in der Ukraine bleibt von dauernder Bedeutung als der große historische Akt der ersten jüdisch-nationalen Autonomie, als Symbol und Vorbild für die Juden in allen Ländern, in denen sie Anspruch und Recht auf innere Autonomie besitzen. Diese Bedeutung der jüdischen Autonomie in der Ukraine war für den ruhig Urteilenden von Anbeginn das Wichtigste an ihr, und diese Bedeutung kann durch kein willkürliches machthaberisches Aufhebungsdekret ihr genommen werden. Historische Akte und Tatsachen sind nicht mehr zu beseitigen, und ihre Wirkung nicht zu unterbinden. Wichtiger aber als diese außenpolitische Seite der Frage ist für uns Juden ihr innerjüdischer Aspekt. Das Kapitel der jüdischen Autonomie in der Ukraine ist eines der interessantesten, gehaltvollsten der gesamten jüdischen Entwicklung in diesem Kriege. In der kurzen Zeit, in der dem ukrainischen Judentum die Möglichkeit der freien Entfaltung und Daseinsgestaltung gegeben war, und innerhalb des relativ doch engen Rahmens, der dieser Freiheit gestellt war, vollzogen sich Entwicklungsprozesse von so wichtiger Art, offenbarten sich Phänomene von so folgenschwerer Bedeutung, daß die wenigen Monate der jüdischen Autonomie für eine geraume Weile noch Anlaß zur Betrachtung geben werden. Ganz große Tendenzen der modernen jüdischen Geschichte, Tendenzen, die für unsere nationale Zukunft von zentraler Bedeutung sein werden, haben sich dort in einer so grellen Klarheit, in einer solch radikalen Ausdrucksform manifestiert, daß man erst da ihr wahres Wesen erkennen konnte. Auf zwei dieser Phänomene sei hier hingewiesen. Das eine ist die Tatsache der inneren Uneinigkeit des ukrainischen Judentums. Das Bild, das der Jüdische Nationalrat in Kiew bot, war in dieser Hinsicht kein schönes. Eine unerhörte Verbissenheit der einzelnen Parteien, eine peinliche Verbohrtheit in der Enge der parteipolitischen Programme, eine verletzende, fast gehässige Tonart in der Polemik, ein minimales Verständnis für die Forderungen der Stunde, durch ein Dekret der ukrainischen