Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 258 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Herman Kranold: IV. Das Ottomanische Reich krankt gegenwärtig an dem schweren Übel des Mangels an Arbeitskräften, die den reichlich in ihm vorhandnen anbaufähigen Boden beackern könnten. Diese Arbeiternot ist eine Folge der ganzen sozialen Verhältnisse des Orients. Sie ist zu gleicher Zeit absolut, weil auf den riesigen Flächen des Reichs tatsächlich viel weniger Menschen wohnen, als zu ihrer rationellen Bearbeitung unbedingt erforderlich wären, und relativ, weil die dort vorhandnen Menschen infolge der sozialen Eigentümlichkeiten der orientalisch-türkischen Gesellschaftsverfassung nur einen nach unsern Begriffen außerordentlich geringen Teil ihrer natürlichen Arbeitskraft auch zu produktiver Arbeit ausnutzen. Der Einwohner der Türkei, mag er nun türkischen oder arabischen Stamms, christlicher oder islamischer Konfession sein, verwendet nur einen geringen Teil seiner Arbeitskraft darauf, wirtschaftliche oder geistige Werte zu erzeugen; einen großen Teil seiner Arbeitskraft läßt er im sogenannten „Kef" brach liegen, weil es ihm nicht der Mühe lohnt, sich wirtschaftlich anzuspannen. Um diesen Arbeitermangel wirksam zu bekämpfen, bedarf es im Türkischen Reich gewaltiger sozialer Umwälzungen, insbesondre des -Sturzes der Großgrundbesitzerkaste, die auf dem Umweg über die staatsrechtliche Einrichtung der Steuerpächterei es versteht, Menschenkräfte im größten Umfang brachzulegen und das Aufkommen von Gesundheitsverhältnissen, die eine Zunahme der Bevölkerung im Ottomanischen Reich erlauben, zu verhüten. Aber mit der Durchführung solcher Reformen ist es nicht getan, und sie ist auch nicht leicht; bedeutend erleichtert wird diese" Gesellschaftsreform dadurch, daß aus europäischen Verhältnissen eine größere Menschenmasse, die an harte Arbeit und Erhaltung des nakten Lebens gewöhnt ist, einwandert und dadurch dem orientalischen Menschen ein deutliches Beispiel gibt, wieviel der Mensch arbeiten kann, wieviel er aber auch für sich und seine Mitmenschen durch volle Ausnutzung seiner Arbeitskraft zu erreichen vermag. Außerdem aber bedarf die Türkei, um ganz bestimmte Aufgaben zu lösen, von deren Lösung ihre wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung und das Gelingen der gesellschaftlichen Reform durchaus abhängt, einer schnellen, großen Zufuhr menschlicher Arbeitskräfte von außen überhaupt. Das Wirtschaftsleben der Türkei ist so lange in den einzelnen Provinzen zu einem trägen Dahindämmern verurteilt, als große Bauten zu umfangreichen Bewässerungen und zur Herstellung leistungsfähiger Verkehrseinrichtungen aus Mangel an Kapitalien, aus Mangel an Menschen, die sie ausführen, und aus Mangel an landwirtschaftlichen Produzenten, die sich benutzen, nicht errichtet werden können. Für einen wichtigen Teil der Türkei, für Syrien, wird diese ganze Frage ein viel freundschaftlichres Gesicht annehmen, sobald Juden, die sich in den landwirtschaftlichen Gebieten als Kolonisten und in den Städten als Ingenieure und als technische Arbeiter niederlassen, in Massen dort einwandern. So greift alles ineinander, um die jüdische Einwanderung für die Türkei aus allgemeinen Gesichtspunkten als höchst wünscheAswert er- *) Siehe meine Aufsätze „Die Juden in Polen und Palästina" und „Die Zukunft Palästinas", sowie „Wasserwirtschaft und Verkehrsmittel in der Türkei" in den „Sozialistischen Monatsheften" , Jahrgang 1917 und 1918. Demnächst werden diese Aufsätze in erweiterter Fassung auch in meinem Buch „Kontinental-Politik und östliche Orientierung" (Leipzig, Verlag: Der Neue Geist) neu erscheinen.