Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 257 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus 257 der erzeugten Lebensmittel eine sehr wichtige sozialistische Aufgabe, eine Aufgabe, der sich der Sozialismus auch mit voller Kraft widmet, und bei deren Bearbeitung er zweifellos manchen schönen Erfolg errungen hat. Zu gleicher Zeit aber wäre es doch töricht und einseitig, wenn der Sozialismus sich in dieser Tätigkeit für eine gerechte und zweckmäßige Verteilung der Lebensmittel erschöpfen wollte; mindestens ebenso wichtig ist es, wenn er dafür sorgt, daß möglichst viel Lebensmittel produziert und dadurch für das System der gerechten Verteilung verfügbar werden. Ein Sozialismus, der bei der Sozialisierung des Konsums stehen bleibt, der es vergißt, durch seine Maßnahmen dafür zu sorgen, daß die Produktivität der menschlichen Arbeit, der Arbeit des einzelnen Menschen und der gesellschaftlichen Arbeit des Volkskörpers, gesteigert werde, erfüllt seine Aufgabe nicht nur unvollkommen, sondern gar nicht. Ein solcher Sozialismus wäre eine Erscheinung, die man gerade als Sozialist heftig bekämpfen müßte. Deshalb wenden sich auch alle wirklichen Sozialisten gegen alle derartigen verfehlten Anwandlungen, die sich in der sozialistischen Praxis hier und da geltend machen, ohne Schonung und ohne Zurückhaltung; deshalb drängen sie immer darauf, in der notwendigen Kritik allein die Geistesarbeit des Sozialismus und seine praktisch-politische Wirksamkeit sich nicht erschöpfen zu lassen. Nicht nur Harmonisierung der wild gewordenen Produktivkräfte, sondern auch die Erschließung weitrer, die menschlichen Werte steigernder Produktivkräfte ist sozialistische Aufgabe. In dieser Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung liegt aber der Zionismus durchaus; denn er befreit das jüdische Volk von unendlichem Druck, der viele seiner besten Kräfte band, und er gibt dadurch die Möglichkeit, daß als reiches, fruchttragendes Glied die jüdische Nation gleichberechtigt in die Brüderschaft der übrigen Nationen eintrete. Wie außerordentlich in jeder Beziehung befruchtend der Zionismus wirkt, das hat man ja an Beispielen genug gesehn; man denke nur daran, welche großen wirtschaftlichen und geistigen Werte das kolonisierende Judentum in Palästina in den wenigen Jahren, in denen es etwas freier seine Arme rühren konnte, geschaffen hat; man denke nur an den Aufschwung der jüdischen Dichtung und der jüdischen bildenden Kunst in den vom nationalen Gedanken des Judentums erfaßten Kreisen in den letzten zwanzig Jahren. Alle solche Erscheinungen wären nicht möglich gewesen, wenn nicht das klare Volksbewußtsein diese Ackerbautreibenden, Dichter und Bildner befähigt hätte, über die Misere des jüdischen Alltags sich hinwegzuheben und, allen unerhörten Widerständen zum Trotz, Werke zu schaffen, vor denen der ferner Stehnde zugleich auch mit der größten Achtung stehn muß. Trotzdem ist das, was sich da praktisch verwirklicht hat, ein, wie wir wissen, nur schwächlicher Anfang einer Entwicklung, die glänzend und für alle Völker segensreich werden muß, wenn nicht Gleichgültigkeit oder gar chauvinistischer Haß bei andern Völkern diese hoffnungsvolle Bewegung schließlich doch wieder zum Tod verurteilen. Das mag nur kurz an zwei Beispielen erläutert werden: an der Nützlichkeit der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina für das Türkische Reich und für das Deutsche Reich. Ich bin an* andrer Stelle bereits näher auf diese Frage ^gegangen und verweise deshalb nur auf meine dortigen Ausführungen*). Hier fasse ich nur kurz zusammen, ohne mich auf Begründungen einzulassen, was darüber zu sagen ist