Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Herman Kranold: Wenn man sich das klar macht, dann wird man schnell zu einem Verständnis der vielen Einseitigkeiten bei den einzelnen zionistischen Theoretikern kommen und wird sehr schnell erkennen, wie voreilig eine Kritik ist, die aus der Un- Vollkommenheit einzelner Theorien die Verwerflichkeit der Bewegung selbst ableiten möchte. Man wird aber vor allen Dingen verstehn, wenn behauptet wird, daß hier wirklich von einem zähen Volk unter den entmutigendsten Umständen um ein großes, der Verwirklichung sicherlich würdiges Ziel gerungen wird, und daß es eine allgemein menschliche Frage, eine Gewissensfrage auch an die deutschen Sozialisten bedeutet, wenn besorgt die Frage gestellt wird, ob denn diese Bestrebungen unfruchtbar zu Boden fallen, ob dieses Nationalbewußtsein zum Tode verurteilt sein soll, oder ob wir Erfüllung dieser Hoffnungen, Verwirklichung dieser Bestrebungen erwarten dürfen. Dabei möchten wir eins nicht vergessen: auch das deutsche Volk ist ja in seinem sozialen Aufbau heute nicht mehr normal. Wenn man auch nicht sagen kann, daß es dem Handel in übertriebenem Maße verfallen sei, obwohl es dieser Grenze vor dem Kriege nicht mehr fern war, so ist doch wenigstens zuzugeben, daß bei uns die Industrie einen Umfang angenommen hatte, der durchaus nicht in einem vorteilhaften Verhältnis zu den Aufgaben des nationalen Ganzen stand. Man konnte vor dem Krieg manchmal des Eindrucks sich nicht erwehren, daß das deutsche Volk trotz aller eifrigen, gutgemeinten, hier und da in den Mitteln vielleicht verfehlten Bestrebungen zur Hebung und Sicherung der Landwirtschaft doch dem Aussterben seines Ackerbaus entgegengehe und daß auch die unvermeidlichen bösen Folgen mangelnden Zusammenhangs mit der Werte schaffenden Natur schon einen sehr großen Umfang angenommen hatten» Während des Kriegs hat dieser Prozeß rasende Fortschritte gemacht. Die zahlreichen neuen Industrien haben den Fortfall unmöglich gewordener Industriezweige mehr als aufgehoben und die Landwirtschaft hat durch den Kriegsdienst und durch die Kriegswirtschaft einen gewaltigen Aderlaß an menschlicher und tierischer Kraft und an Produktivkraft des Ackerbodens erlitten. Vielleicht ist es gar nicht so unrichtig, wenn wir sagen, daß vor uns drohend zwar nicht das gleiche, aber doch ,ein ähnliches und ebenso böses Schicksal steht, wie das, das dem Judentum beschieden war. Umsomehr sollten wir versuchen, an den Schicksalen des Judentums rechtzeitig zu lernen und uns* wenn uns von diesen Nöten des jüdischen Volkes erzählt wird, immer bewußt zu werden, daß es dabei im Grunde auch um unsre Sache geht. III. Auch in einem mehr theoretischen Sinn, der aber doch der praktischen Konsequenzen durchaus nicht entbehrt, handelt es sich beim Zionismus um unsre sozialistische Sache. Wenn wir das Ganze der geistigen Bewegung, die der Sozialismus bedeutet, zu erfassen suchen, so kommen wir zu dem Ergebnis, daß es sich im Sozialismus einesteils um den Versuch handelt, die durch den Kapitalismus entfesselten, aber wild durcheinander laufenden und gegeneinander kämpfenden Produktivkräfte der neuzeitlichen Technik zu bändigen und so unters Joch zu zwingen, daß sie harmonisch zusammenzuwirken vermögen. Aber der Sozialismus kann und darf auf keinen Fall dabei stehn bleiben, daß er seine Aufgabe nur als eine solche Polizeiaufgabe ansieht. Sicherlich ist, um das an einem praktischen Beispiel zu erläutern, die Sorge für die richtige Verteilung