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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 255

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus
Date
1918-01-01
Page
255 (sequence 5)
Language
German
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Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus 255 dadurch, daß sie eine Verteidigungslage manchmal noch nicht als gegeben erachten, wenn sie den andern bereits als gegeben erscheint; über das Prinzip aber ist kaum ein Streit. Wir müssen uns nur immer klar sein, daß diese elementarsten Voraussetzungen jüdischen Lebens bisher nicht gegeben sind, sondern noch ganz der Verwirklichung harren, um uns darüber klar zu werden, wie groß das nationale Elend der Juden ist, um zu verstehn, weshalb das Drängen der jüdischen Nation nach Palästina so stürmisch ist und solche ungeahnten Opfer hervorzubringen vermag. Gleichzeitig aber handelt es sich um mehr: die objektive Vaterlandslosigkeit der Juden hat im Verein mit manchen andern Umständen zu einer völligen Entstellung ihres sozialen Volkskörpers geführt. Bestimmte Berufszweige, in erster Linie der Kleinhandel und die sogenannten intellektuellen Berufe, sind beim jüdischen Volk übermäßig stark vertreten, andre Berufszweige, an ihrer Spitze die Landwirtschaft, sind dagegen so gut wie gar nicht vertreten. Es gibt zwar auch in Europa hier und da Gruppen von ackerbautreibenden Juden, aber sie sind klein und ändern das Gesamtbild der gesellschaftlichen Struktur des jüdischen Volks in keiner Weise. Ebenso steht es mit der Forstwirtschaft und Fischerei; auch sie spielen im Judentum keine nennenswerte Rolle; selbst die Industriearbeit tritt gegenüber den zuerst genannten Berufen weit zurück. In einer Zeit, in der zwischen dem Golf von Biscaya und den wolhynischen Sümpfen alles Land und Volk in rasendem Tempo sich industrialisiert hat, hat das Judentum diesen Prozeß nur sehr unvollkommen mitgemacht. Das jüdische Großkapital in West- und Mitteleuropa hat sich zwar auch der Industrie zugewandt, jedoch nur in demselben Maß, indem es sich dem bewußt nationalen Judentum immer mehr entfremdete. Das jüdische Proletariat aber ist in die Industrie nur ganz vereinzelt eingedrungen; selbst in den großen Industriezentren in Polen und Galizien, die dicht von Juden bevölkert sind, wie etwa Warschau, Lodz, Kaiisch oder der Petroleumgegend von Sambor und Drohobycz, spielt der jüdische Fabrikarbeiter und Bergarbeiter eine ganz untergeordnete Rolle. Es liegt auf der Hand, daß eine solche wirtschaftliche Struktur einer Nation auch das Geistesleben ganz einseitig beeinflussen muß, und so rinden wir im Judentum neben einer ausgebildeten und außerordentlich reichen Volksdichtung und neben einer irgendwie vom religiösen Problem erfüllten umfangreichen literarischen Überlieferung nur eine quantitativ gering entwickelte moderne Literatur, die man zwar in ihrem Ausmaß nicht unterschätzen soll, die aber jedenfalls zu dem Übermaß an Intellektuellen im jüdischen Volk in gar keinem erträglichen Verhältnis steht. Vor allem aber finden wir, daß die ganze seelische Physiognomie des Judentums durch diese einseitige Einzwängung in den Handel Schaden genommen hat, Schaden, aus dem ohne Berechtigung der west- und mitteleuropäische Antisemitismus seine Nahrung saugt, Schaden, den aber gleichzeitig niemand so lebhaft empfindet, wie das jüdische Volk selbst. Man braucht ja nur die Jahrgänge der „Jüdischen Rundschau" oder etwa die bisher leider noch wenigen Hefte dieser Monatsschrift durchzusehn, um das festzustellen. Es handelt sich also darum, diese Abnormität des sozialen Volkskörpers des Judentums von Grund auf zu beseitigen, und das ist nicht dadurch möglich, daß man den Juden etwas mehr menschlichen Schutz im Osten angedeihn läßt; dieser Schutz ist nötig und erstrebenswert, er reicht aber keineswegs hin, um das zu erreichen, was das Judentum heute vor allen Dingen erstrebt: die Wiederherstellung seines nationalen Daseins als eines lebenswürdigen Daseins»

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