Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Interesse der deutschen Sozialisten am Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 254 (sequence 4)
- Language
- German
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254 Herman Kranold: Schulter an Schulter zusammen, genau wie im Zionismus aber laufen auch im Sozialismus die Theorien im ganzen wild durcheinander, und wer sich darauf beschränkt, fremd und kalt Kritik am Sozialismus zu üben, der wird nichts leichter finden, als den einen sozialistischen Theoretiker mit den Waffen zu schlagen, die ein halbes Dutzend andrer sozialistischer Theoretiker ihm liefert. Grade da diese Gleichheit besteht, sollten die Sozialisten doppelt vorsichtig sein, und sollte diese Gleichheit sie bestimmen, in ihrer Kritik am Zionismus und in ihrer Stellungnahme zum Zionismus besonders wohlwollend von vornherein zu verfahren, zu versuchen, ob sich nicht ein vernünftiger klarer Kern aus der ganzen zionistischen Bewegung herausschälen läßt, und weiter zu versuchen, ob nicht mit dem vernünftigen klaren Kern des Sozialismus, der sich bei gutem Willen ebenfalls finden läßt, dieses zionistische Kernziel innerhalb weiter Grenzen durchaus vereinbar sei. Wenn man in dieser Art die Dinge ansieht, dann wird man auch zu freundlichen Taten sich innerlich verpflichtet fühlen. Wir Sozialisten haben ja allen Grund, uns mit nationalen Fragen recht eingehend zu beschäftigen, und zwar nicht deshalb, weil uns in der Vergangenheit häufig genug, mit Unrecht, Mangel an nationalem Selbstbewußtsein vorgeworfen wurde, sondern weil in unsern Reihn die Beurteilung der nationalen Probleme von der größten Gleichgültigkeit, ja Widerwilligkeit bis zur überschwenglichsten Begeisterung in allen Stufen ihre Vertreter hat. Wie wir endlich selbst dazu kommen müssen, den Wert der Nation, als absoluten Wert, und das Verhältnis dieses Werts zu den übernationalen Werten klar herauszufinden und die Bindung unsrer praktischen Arbeit an den nationalen Körper in allen Beziehungen voll zu verstehn, so müssen wir auch dem Zionismus theoretisch zu Leibe gehn, wenn wir zu einer richtigen Anschauung von ihm kommen wollen, und wir werden das mit großem Vorteil tun, denn soviel Erstaunliches wir in den letzten Jahrzehnten auch in den Umwandlungsprozessen der gesellschaftlichen Struktur im In- und Ausland an unsern Augen haben vorüberziehn sehn, selten ist es uns wohl begegnet, daß so rein und so klar, so unverschleiert und so bewußt gegenüber so vielen Schwierigkeiten das Wiedererstehen einer Nation sich vollzieht, wie beim Judentum. Gewiß, auch andre Völker haben in den letzten Jahrzehnten ihre nationale Wiedergeburt erlebt; wir erinnern nur an die Czechen und an die verschiednen südslawischen Nationen; aber sie haben doch nicht entfernt mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, weil sie als Nation wenigstens allesamt mit irgendeinem bestimmten Stück Land verwachsen sind, das sie im Besitz halten. Das Wiedererstehn des Judentums aber ist selbst von dieser Bindung losgelöst; es hat kein Land, in dem es heimisch ist und in dem es geschlossen wohnt; es kennt nur ein Vaterland, und dieses Vaterland ist nicht sein Eigentum, sondern ist nur das Land, das es mit der Seele sucht, und man wird dem ganzen jüdischen nationalen Problem nicht gerecht, wenn man es losgelöst von, diesem Streben nach Wiedergewinnung seines Vaterlandes betrachtet. Uns deutschen Sozialisten ist ja der Besitz des Vaterlandes schon etwas so Selbstverständliches geworden, daß wir fast alle — von ganz wenigen Einspännern abgesehn — bereit sind, es mit dem Einsatz unsrer ganzen wirtschaftlichen Kraft, ja im äußersten Notfall mit der Einsetzung unseres Lebens zu verteidigen. Auch in der „unabhängigen" Sozialdemokratie sind ja die Verneiner der Vaterlandsverteidigung wohl nur Offiziere ohne Gefolge; von der größeren sozialistischen Partei unterscheiden sie sich in dieser Hinsicht nur