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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 6 · p. 250

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 6
Article
Grenzschutz
Date
1918-01-01
Page
250 (sequence 4)
Language
German
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2S0 Theodor Behr: Grenzschutz Die Grenzschutzfrage, die von einem Skandal sehr wenig unterschieden ist, ist der bezeichnende Ausdruck für das schwankende Verhältnis, das Deutschland den Angelegenheiten des jüdischen Volkes gegenüber überhaupt einnimmt. Es gibt einige verantwortliche Stellen, die bereits eingesehen haben, daß das jüdische Volk ein politischer Faktor von Bedeutung geworden ist, an dem man für Krieg und Frieden nicht ohne weiteres vorbeigehen kann. Man findet diese Stellen im Auswärtigen Amt, und sie geben sich eine gewisse Mühe, den Juden ersichtlich zu machen, daß auch die deutsche Politik mit }hnen rechne. Aber sogar diese Stellen, die schließlich am besten über die starke Verbundenheit der über die Welt zerstreuten Glieder des jüdischen Volkes und die in dieser Gemeinsamkeit liegende überaus bedeutsame politische und moralische Gewalt unterrichtet sind — wenn nicht aus eigener Wissenschaft (wie könnte man das von einem deutschen Diplomaten verlangen?) so aus den Berichten über die wiederholten und immer realere Formen annehmenden Kundgebungen der Entente — sogar diese Stellen äußern sich in ihren zweifellos gut gemeinten Erklärungen so zaghaft~und zweideutig und lassen darin so viele Hintertüren und Möglichkeiten offen, daß man fast geneigt ist, die Naivität zu bewundern, die glaubt, mit derartig verklausulierten Erklärungen Eindruck auf das jüdische Volk zu machen. Diese, so wenig inhaltreichen Erklärungen des Auswärtigen Amtes und seiner Organe stehen aber zudem in einem scharfen Widerspruch zu allem, was außerhalb des Auswärtigen Amtes geschieht. Wir haben ja erlebt, daß die Kundgebung des Unterstaatssekretärs von dem Busche über die Anerkennung der Juden als Nation schleunigst in dem offiziellen Organ der Kaiserlichen Zivilverwaltung in Warschau als für diese nicht maßgeblich behandelt wurde. Ähnlich ist es mit den Erklärungen über die Rechte der Juden in Litauen, die zwar in zwei sich nicht einmal deckenden und ganz in dem Einerseits-Anderseits-Stil gehaltenen Quasi-Kundgebungen anerkannt worden sind, über die aber, wie immer offenkundiger wird, bei der tatsächlichen Regelung der litauischen Frage zur Tagesordnung übergegangen werden soll. So war es auch bei der rumänischen Affäre, wo die Deutschen es nicht über sich gewannen, einfach die Gleichberechtigung aller Juden zu verlangen, sondern sich von den Rumänen ein Gesetz aufschwatzen ließen, bei dem man zweifelhaft sein kann, ob es nicht für die rumänischen Juden besser wäre, wenn es gar nicht erlassen würde. Das sind die Aktionen des Auswärtigen Amtes. Man kann sich vorstellen, wie es in den Regionen der anderen Ämter aussieht, die es nicht nötig zu haben glauben, ihre judenfeindlichen Aktionen unter einem für den Eindruck auf das Ausland bestimmten Feigenblatt zu verbergen. Orgien aber feiert die antisemitische Praxis der deutschen Behörden im besetzten Gebiet, wo kein Etappenkommandant seinen antisemitischen Gefühlen auch nur im geringsten Zügel anlegt und wo die oberen Behörden die Juden an der Rückkehr in ihre Heimat hindern. Man fragt sich, wohin das führen soll. Es ist leider sehr wenig Aussicht vorhanden, daß die deutsche Politik den Juden gegenüber sich ändert. Die weitschauende Auffassung der Judenfrage, wie wir sie bei England und Amerika finden, die sich keineswegs mit Worten begnügt und in der Ernennung von Juden als höchste richterliche Beamte in Palästina einen so eindeutigen Ausdruck findet, wird Deutschland wohl noch lange fremd bleiben. Um so entschiedener aber müssen wir uns gegen jeden Eingriff in unsere Rechte und gegen jeden Angriff auf unsere Würde wahren. Der Grenzschluß, in welcher Form immer er

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