Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Grenzschutz
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 249 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Grenzschutz 249' darstellen. Wenn die „Jüdische Rundschau" zutreffend berichtet, haben aber die Deutschen schon so viel vom polnischen Antisemitismus gelernt, daß sich ihre Verfügungen ganz eindeutig gegen die Juden richten und den Fall garnicht vorsehen, daß ein Jude einmal kein „unproduktiver" Kaufmann, sondern e'in produktiver Handwerker ist, was bei der Bedeutung, die das Handwerk für die Berufsschichtung der Ostjuden hat, immerhin recht häufig vorkommen wird, oder den Fall, daß ein Litauer zu dem unproduktivem Kaufmannstand gehört, was ja auch in den Bereich des Möglichen fällt. Die deutschen Verfügungen schließen ebenso begründungslos die Juden aus, wie die polnischen es tun. Man spricht so viel von der erstrebten Allianz zwischen Deutschland und Polen. Im Grenzschluß gegen die Juden ist sie bereits erreicht. Was aber ist der Grund, der Deutschland zu dieser Behandlung des Ostjudenproblems veranlaßt? Man braucht nicht lange danach zu suchen, warum die deutsche Politik, die sich so sehr für die Rechte der Iren oder der Inder ins Zeug legt, so versagt, wenn es sich um die Rechte des jüdischen Volkes handelt. Die deutsche Politik hat noch nicht gelernt, das jüdische Volk als einen Machtfaktor einzuschätzen, als den Machtfaktor, den es tatsächlich darstellt. Darum glaubt man, sich mit einigen Erklärungen und Höflichkeitsakten begnügen zu können. Für die Juden muß eben so etwas ausreichen, mehr können sie nicht verlangen. Das ist der eine Grund. Der andere ist der unvertilgbare Antisemitismus des deutschen Beamten, des untersten Gendarmeriewachtmeisters genau so wie des obersten Vortragenden Rates oder auch Ministers. Man brüstet sich in Deutschland gern mit dem Wort, daß die Zeit der Gefühlspolitik für Deutschland vorbei sei. Nun, in der Behandlung der Judenfrage durch die deutschen Behörden herrscht die Gefühlspolitik noch uneingeschränkt. Hier schaltet und waltet einzig die antisemitische Abneigung des betreffenden Organs, sei es Wachtmeister, sei es Geheimrat. So kann es kommen, daß die politischen Interessen Deutschlands vernachlässigt und verraten werden, wo die antisemitischen Gefühle der betreffenden Behörde in Frage kommen. Die beiden Gründe ergänzen sich gegenseitig. Die Verachtung des Juden erzeugt die niedrige Einschätzung des jüdischen Volkes und umgekehrt, und so kommt es, daß tatsächlich die verantwortlichen deutschen Organe glauben, daß sie den deutschen Juden noch einen Gefallen tun, wenn sie sie vor der Zuwanderung der Ostjuden bewahren. An dieser Stelle, an der so oft das Versagen der deutschen Judenheit in der Ostjudenfrage aufgewiesen wurde, braucht heute nicht erörtert zu werden, inwieweit die deutschen Juden selbst den Schimpf verschuldet haben, der in dieser Einschätzung ihrer Gemeinbürgerschaft mit ihren Volksgenossen liegt. Der Krieg aber hat auch die deutschen Juden gelehrt, daß nur im engsten Zusammenschluß des Volksganzen das Heil des jüdischen Volkes und auch seines deutschen Teiles liegt. Als Dokument dieses stark gewordenen Gefühls liegt eine in kräftigen Worten gehaltene Eingabe der „Viod" vor, in der sich diese Verbindung aller großen jüdischen Organisationen Deutschlands entschieden gegen jeden Versuch einer Sonderbehandlung jüdischer Menschen in Deutschland, gleichviel woher er komme, ausspricht und alle derartigen Experimente als eine schwere Beeinträchtigung der Würde und Interessen der deutschen Juden bezeichnet. Die Mär von der Zustimmung der deutschen Juden zum Grenzschutz sollte damit ein für allemal erledigt sein. 19*