Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Grenzschutz
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 248 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Theodor Sehr: mag ein Genie an Fachkenntnis sein, wenn er Fogelberg oder Cedernbaum heißt, kann Deutschland ihn nicht brauchen. Deutschland, das im Kriege wohl eine Million osteuropäischer Proletarier eingeführt hat und das alles tut, um eine zweite Million in seine Landwirtschaft, in seine Fabriken und Bergwerke zu bringen, Deutschland muß bewahrt bleiben vor dem ostjüdischen Proletariat. Aber das ist nicht alles. Deutschland hat in diesem Kriege seine Macht ausgedehnt über weite Länder, über großenteils jüdische Länder. In Polen und Litauen kontrolliert es ein Gebiet so groß fast wie halb Deutschland, ein Land, in dem über drei Millionen Juden heimisch sind. Der Krieg hat einige Hunderttausende von ihnen weggetrieben in die Verbannung und das Elend und jetzt, nach der anderen Wende des Krieges, stehen sie vor den deutschen Grenzposten und wollen in die Städte und Dörfer zurück, aus denen sie vor zwei oder drei Jahren verjagt worden sind. Aus allen Enden des russischen Reiches strömen die Rückwanderer nach Polen und Litauen und an allen Grenzen werden sie herübergelassen, mehr noch: bewillkommt, geschützt und gestützt. Alle werden herübergelassen — Juden werden nicht herübergelassen. Es gibt polnische Verfügungen, die die Juden nicht nach Polen zurücklassen, und es gibt deutsche, die sie nicht mehr nach Litauen und Kurland hineinlassen. Deutschland und Polen stehen Arm in Arm an der Grenze und sperren die Juden aus. Natürlich ist bei all dem keine Rede von Antisemitismus. Die ostjüdischen Arbeiter dürfen nicht nach Deutschland, ausschließlich wegen der Fleckfiebergefahr. In Warschau, in Lodz und einigen anderen Plätzen stellen die Juden einen größeren Prozentsatz zu den Fleckfiebererkrankungen als die Polen, in Wilna überwiegt bei weitem die Zähl der polnischen Erkrankungen. Polnische, nichtjüdische Landarbeiter haben mehrfach Fleckfieber nach Pommern verschleppt; dagegen soll ein Fall nachgewiesen sein, wo jüdische Arbeiter aus Polen in Deutschland an Fleckfieber erkrankt sind. Dieses Material muß ausreichen, um die Begründung des Grenzschlusses gegen Juden mit der Gefahr der Fleckfieberverschleppung zu rechtfertigen. Der Jüdische Volksverein in Berlin hat in seiner Herberge während des Krieges über 150000 Ostjuden beherbergt — natürlich handelt es sich dabei keineswegs um 150000 verschiedene Personen — und nicht einmal ist ein Fall von Fleckfieber vorgekommen, und die Zahl der überhaupt anzeigepflichtigen Krankheiten, die hier auftraten, beträgt während der gangen Zeit nicht 10 Fälle. Ist es nötig, den Fleckfiebervorwand noch weiter zu zerpflücken? Es gibt nur einen Übertrager des Fleckfiebers, die Laus, und sie macht keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden, und es gibt ein absolut zuverlässiges Mittel gegen die Laus, die Entlausung. Aber es gibt nur ein Mittel gegen die ostjüdische Einwanderung, den Grenzschluß. Darum verzichtet man auf die Entlausung der Juden und wendet den Grenzschluß an. Womit die Sperrung der polnischen und litauischen Grenze gegen die in ihre polnische und litauische Heimat aus Rußland zurückwandernden jüdischen Kriegsflüchtlinge begründet wird, ist noch weniger klar. Die Polen verzichten auf jede Bemäntelung. Sie haben so oft erklärt, daß die Juden aus Polen hinausmüssen, daß man ihnen ohne weiteres die Logik glaubt, die keine Juden mehr nach Polen hineinläßt. Der von den deutschen Behörden in Litauen geübte Grenzschluß gegen die Juden wird, wie es heißt, damit begründet, daß nur produktive Elemente zurückkommen sollen. Produktive Elemente sind alle Nichtjuden, es ist das besondere Pech der Juden, daß sie ein unproduktives Element