Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Grenzschutz
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 247 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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GRENZSCHUTZ Es waltet ein seltsames Verhängnis über den Beziehungen zwischen deutschem Volk und jüdischem Volk. Mit keinem anderen Volke in der Reihe der zahllosen Nationen, mit denen die Juden auf ihrer langen Wanderschaft in Berührung gekommen sind, haben sie sich so verbunden und sich so verbunden gefühlt wie mit den Deutschen. Die Volkssprache des Großteils des jüdischen Volkes hat ihre Quelle in Deutschland, deutsche Dichter, deutsche Gelehrte und Schriftsteller, viel mehr als die irgend eines anderen Volkes, haben sein Denken beeinflußt, sind bis in die Bibliotheken des gebildeten Dorfjuden gedrungen, die deutschen Ärzte, die deutschen Kurorte suchte man a,uf, ob man in Warschau wohnte oder in Odessa, „deutsch" und „gebildet" waren die gleichen Worte. Und wie kaum ein anderes Volk haben die Deutschen den Juden wehe getan. In Deutschland erstand der wissenschaftliche Antisemitismus, und der Umstand, daß Pogrome in Deutschland nicht vorkamen, wurde in den Gefühlen der Juden bei weitem aufgewogen durch die Tatsache der allgemein gehandhabten Degradierung der Juden zu Menschen minderen Rechtes, die in Deutschland — in Deutschland! — sozusagen gesetzmäßig ist Es war eine recht unglückliche Liebe, die die Juden für Deutschland empfunden haben. Man konnte glauben, und der Gang der Ereignisse trug viel dazu bei, daß der Weltkrieg Deutschland die Gelegenheit geben würde, die warme Anhänglichkeit, die das jüdische Volk in der ganzen Welt ihm aus alter Überlieferung entgegenbrachte, endlich zu vergelten, irgendwo positiv und fördernd auf die Geschicke dieses Volkes einzuwirken, die der Krieg zum weltpolitischen Problem gestaltet hat Nach vier Jahren des Krieges ist man wohl imstande und berechtigt, das Fazit zu ziehen aus den Rechnungen, die aufgestellt wurden. Es. ergibt sich eine schwere Enttäuschung. Noch möchte keiner wagen, die letzte Folgerung zu ziehen, noch wollen wir nicht glauben, daß die Deutschen sich vom jüdischen Volk mit feindseliger Gebärde abwenden. Wir wollen es nicht glauben, weil wir an eine Vernunft in der deutschen Politik glauben wollen und uns nicht vorstellen können, daß sie auf die Dauer den schweren Fehler begeht, sich von antisemitischen Gefühlen statt von realpolitischen Erwägungen leiten zu lassen. Ist uns dieser Glaube aber noch gestattet, nachdem es bekannt geworden ist, daß Deutschland seine Grenzen und die Grenzen der von ihm besetzten Gebiete absperrt gegen Juden? Die Tatsachen, um die es sich hier handelt, sind durch die „Jüdische Rundschau" der Öffentlichkeit bekannt geworden. Danach bestehen Verfügungen, die die Einlassung ostjüdischer Arbeiter nach Deutschland prinzipiell verbieten zu einer Zeit, wo mit dem größten Nachdruck im ganzen besetzten Gebiet im Osten eine intensive Werbung von Arbeitskräften für Deutschland betrieben wird. Jeder Arbeiter aus Polen, Litauen, der Ukraine darf und soll nach Deutschland. Eis wird nicht gefragt, welcher Nationalität er ist, es ist gleich, welche politische Anschauung er vertritt, niemand kümmert sich um seine Religion, seine Sprache spielt keine Rolle; wenn er zwei Hände hat und arbeiten kann, ist er willkommen in Deutschland. Nur Jude darf er nicht sein. Er mag ein Riese an Kräften, er Heft 6. 19