Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein Wort über Mendele
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 241 (sequence 3)
- Language
- German
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Ein Wort über Mendele 241 dener als sonst jede andere. Die Individualisierung selbst war typisch: grade und gültige Form der Wiederkehr. Daher seine Typen. In diese Welt hinein schnitt die andere Welt: die Fremde, die Handlungen nach Zwecken, die realen Zustände. 0 Schrecken! Diese reale Welt wurde von jenem Prinzip nicht erfaßt. Der Geist hatte keine Geschichte mehr, er kannte nur noch Begebenheiten. Ein jeder ging durch die Wirklichkeit geschäftig und gestikulierend, scheinbar sehend und strauchelte an ihr, weil sie sein Widersinn war. Denn der Blick war nach innen gerichtet und konnte nicht hinaussehen, ein jeder noch war stammelnder Zeuge des Geistes und Bürger einer imaginären Welt. Keine Geste war entsprechend. Starrendes Martyrium in der Fristung vergarnt. Stehet auf der einen oder anderen Seite als Zuschauer, und ihr werdet die Ironie wissen oder die Satire. So mußte Mendele werden, bei aller gewaltigen Selbstzucht ein Satiriker — aber weil er die keusche Tiefe des Gefühls hatte und allem verwandt war, wurde seine Satire noch immer zum Humor. Er wußte ohne auszusagen: alle Komik und alle widersinnige Gespensterhaftigkeit ihres Tuns ist nur Grimasse am Pathos ihrer Existenz. (Er wußte viel ohne es auszusprechen, in jenem Heroismus des Gestalters, der Innerstes durch ein Äußeres darstellt.) Und so schuf er sie noch wahrheitsgetreu aus unendlich verschämter Liebe. Staunen wir über das Leben seines Geschöpfes, das sich von jeder Absicht des Schöpfers befreit. Erinnert euch an „Binjamin den dritten", den denksäumigen Träumer, dem hundert Schritte hinter seinem Städtchen die Wunder blauen. Die Sage allein ist fest gegründete Welt: Sambation, Gog Magog, Berge der Finsternis, die roten Juden, das Königreich der zehn Stämme, Johannisbrod, Erez Israel, Rausch und Unsagbares. Und Binjamin in seinem Städtchen — der weisesten, reichsten, mächtigsten Welt — ist arm und schwach, durstig und verstaubt, ein Grashalm am Wegrand. Wie er ins Abenteuer geht, kommt hinter ihm Satyr einhergetanzt, solltet ihr nicht alle lachen? Binjamin und Senderl „das Weib", sein Genosse und Pansa. Eine Stunde unterwegs macht Binjamin sich Mut in Ängsten und will vom einherfahrenden russischen Bauern den Weg nach Erez Israel erfahren, aber Senderl „das Weib" soll lieber fragen: „Frag ihn doch, wir sind ja im Ausland", und Senderl „das Weib" frägt mit behutsamer Zunge in seinem Russisch. Seht ihr nicht Senderl „das Weib" vor dem breiten russischen Bauern und rückwärts Binjamin den dritten? Und wie der Bauer sie anstarrt: „Ell-ll-ez Srul E-ll-llez Srul, keinen Srul gesehen." Und wie er ausspeit und die Pferde anpeitscht davontrabend. Bald wird ein anderer Bauer Binjamin in sein Städtchen einfahren, halbtot, ein schlotternd Bündel, so wird er von seiner Frau, der erlösten „armen Agunah", keifend und kreischend in Empfang genommen. 0 Scham! 0 unser aller Hilflosigkeit! Und wo er selig formen soll, muß er Jugend sehen — seine Kindheit, oder Alter — milde Weisheit. Denn die Mannheit, Wille und gestaltendes Geschehen, Erfüllung und ordnendes Tun, ja, die verlangte er immer wieder. Er sah aber unheimliche Bewegung vor einer dunklen Leere. Sehet, in diese Leere fuchtelt seines Spottes Schneide. Und doch waren ihm alle im letzten Grunde verbunden, Mensch und Tier und Landschaft; er machte die Natur nicht jüdisch, wie so gemeint wird, er machte überhaupt nicht, er lebte mit dem großen Gang der Dinge und den Gezeiten, und