Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein Wort über Mendele
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Abraham Sonne: Ein Wort über Mendele sein Blick hielt alles, von der Wiege bis zum Grab. Und war nichts das nicht eingegangen wäre in die Glorie seines Wissens. Nur daß die Menschen so unverhältnismäßig waren und er so harmonisch. Alle sah er in einer inneren Überflutung durch Vergangenheit, so daß sie kein Gleichgewicht hatten, und ihre Existenz war entschlußloses Erwarten; sie waren unverhältnismäßig geworden in allem, in jeder Handlung. Unverhältnismäßig war er, der zu Fülle und Maß Geborene, in einer solchen Welt, und von diesem Schicksal ist in seiner Leistung. Aber daß er möglich war, dieser Liebling Gottes, ist ein Wunder an Freiheit und neuem Leben, uns allen Spätlingen seiner Welt zur Botschaft, ihm zum Preis. Wien Abraham Sonne CHASSIDISCHES Die Wahl tühre mich auf dem Pfade deiner Gebote; denn sein begehre ich." Warum dieser Zusatz, der sich von selber zu verstehen scheint? Der Apter sprach zu seinen Schülern: Ihr wißt, daß alle Erfüllung der Lehre an der freien Wahl des Menschen hangt: wenn er will, erfüllt er sie. Wie unsere Weisen sagen: alles ist in der Hand Gottes, nur die Gottesfurcht nicht. Wer aber den guten Weg erwählt und das Böse verworfen hat und unablässig in Gottes Fußstapfen tritt, der offenbart seinen Willen, daß er die Wahl von sich tut und nur noch die eine Bahn begehrt. Dann hilft ihm Gott, daß seine Gottesfurcht und Gottesliebe von Mal zu Mal wächst, nach dem Worte unserer Weisen: Wer sich zu reinigen kommt, dem stehen sie bei. Und das ist es, was David der König meint. Er spricht zu Gott: „Führe du mich auf dem Pfade deiner Gebote und sage nicht, du hättest die Wahl in die Hand des Menschen gelegt. Denn sein begehre ich: du weißt, daß ich das Böse verworfen habe und nichts andres als den guten Weg begehre, und habe meine Wahl getan. So stehe du mir nun bei und führe mich auf dem Pfade deiner Gebote.'* Mose der ewige Gottesknecht Es heißt im letzten Abschnitt des fünften Buches Mose: „Und es starb allda Mose, der Knecht des Herrn." Und wieder heißt es im ersten Abschnitt des Buches Josua: „Und es war nach dem Tode Moses, des Knechtes des Herrn." Warum wohl wird hier in der Stunde seines Sterbens und nach ihr Mose ein Knecht Gottes genannt, als würde damit ein Neues berichtet, da doch schon Abschnitt um Abschnitt vor diesen zu erzählen wußte, wie er seinem Herrn gedient hatte mit seinem ganzen Herzen und Vermögen? Der Apter erklärte: Ehe Mose stirbt, zeigt Gott ihm vom Gipfel des Nebo das Land und spricht zu ihm: „Dieses ist das Land, das ich zugeschworen habe dem Abraham, dem Isaak und dem Jakob." Hierzu bemerkt unser Lehrer Raschi: „Gott entsandte Mose und sprach: Geh und melde den Vätern, daß ich meinen Schwur nunmehr erfüllen will, den ich ihnen zugeschworen habe." So war denn Mose auch im Tode Gottes Bote und getreuer Knecht, und er starb, nicht um des Dienstes enthoben zu werden, sondern um Dienst zu tun in der Ewigkeit Martin Buber