Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein Wort über Mendele
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 240 (sequence 2)
- Language
- German
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240 Abraham Sonne: seines Gebildes erregt Nachschaffenden nennen sich Enkel und drängen sich in seine Nähe. Schwelgerischer Rausch einer durch ihn entfachten Erinnerung vermaß sich ihn an Gefühlstiefe zu überbieten, im Nachmachen seine Andeutung auszudeuten. Oder sie kamen von der Literatur her mit ihren Forderungen der Form, sie vermißten als Ästheten des Epischen die Fabel, und suchten bei ihm als Differenzierte vergeblich nach Individualitäten und Einzelschicksalen, vermeinend, der Typus sei Mendeles Grenze und die Haskalah, der Rationalismus seiner Werdezeit, sein Verhängnis. Immer wieder mußten sie ihm seine unterbrechenden Lehrsätze anschreiben und das Vordrängen seiner Satire, beunruhigt um die Geschlossenheit seines Kunstwerkes, schon machten sie ihn selbst zum Typus, so wie sie Typus verstehen, — und wenn sie ihm noch so viel Liebe antaten: sie sollten ihre Maßstäbchen zurücklegen und den Gewaltigen nicht streicheln. Sie sollten sich auf den Anfang besinnen und auf das große Ereignis seiner Kunst, so es sich in Ursprünglichkeit ereignet, daß das Leben aller im Erlebnis des Einen sich sammelt und als erneute Totalität in seiner Kunst ihnen zur befreienden Schau wird, Weite und Möglichkeiten ahnend. Denn er war ursprünglich, und in seiner ursprünglichen Reinheit auf harmonisches Sein und Erleben gerächtet. Sein Gefühl mußte Dinge erfassen und sein Bewußtsein über eine Fülle von Zuständen und Bildern leuchten. Wie er als Kind einmal im Freien vor dem Gewitter Schauens und Staunens voll zum erstenmal das Wunder seines Ichs erlebt: „ich offenbarte mich mir selbst", so steht er dann sein Leben lang in der Welt unendlich zugehörig und immer schauend und lauschend. Zugehörig im Miterleben und Erleiden und als Schauender frei. So drängte es ihn zur Gestaltung. Der Maskil Mendele in seinem Stadium ist anders als die Maskilim sonst. Verweltlichende Bildung, gewiß, ihm wird sich diese Forderung in einer Anschwärmung der Haskalah nicht erfüllen, er, der von der Kindheit her Naturverbundene, beginnt mit der schweren Arbeit einer hebräischen Naturgeschichte. Er hat die Haskalah noch bevor er sie kennt durch das Glück seiner Anlage überholt, die Art ihres Kampfes und ihre Abstraktionsweisen, wie er als Künstler frei an einem Stoff, der noch nicht Literatur geworden und jeder Epigonenmöglichkeit bar, durch erstmaliges Gestalten seinem Schaffen Gesetze gibt von jenem hohen Maße, das Erfüllung verlangt, ohne Erfüllung anzumerken. Aber die Welt seines Stoffes ließ ihn zwiefach ringen, als Formenden gegen Spröde und die vielfachen Verführungen (— welcher Weg und Andeutung schon in seiner sprachlichen Wandlung vom versucherisch konturlosen, gestikulativ Volkstümlichen bis zur Bannung dieses Gestikulativen in die Linie des Hebräischen — wie vom gefügigen Ton zum beständigen Steine schimmernder Härte) und als Menschen dieser Welt und Mitverantwortlichen gegen ihren Widersinn. Schaffender und Empörter, vollbringt er ein Werk, in dem Schauen und Verstehen alles ist, in das Empörung hineinzittert, und so sie durchbrechen möchte, läßt er sie sprechen, um als Künstler innezuhalten, sie wird sich schon in Ketten legen, wenn der Bildner wieder beginnt. Und je andächtiger und hingebungsvoller sein Wirken, desto klarer wird ihm, daß die objektive Gestaltung an sich schon die Empörung über ihre Wirklichkeit zum Nachhall hat. Denn so war diese Welt: in sich geschlossen und von einem Prinzip beherrscht, das alle Menschen umfaßte: das Judentum. Alle gingen durch seine Zucht und trugen seine Prägung, erhaben oder stumpf, und waren eine Gesamtheit entschie-