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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 238

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
238 (sequence 11)
Language
German
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238 E. M. JLipschütz: Vom lebendigen Hebräisch die Existenz eines Sprachbewußtseins, das bei gewissen Gruppen innerlich lebt, freilich ohne in der Diaspora die Ausschließlichkeit im Seelenleben zu erlangen; immer teilen sich zumindest zwei Sprachen in die Herrschaft über das Denken dieser Menschen. Aber auf die Frage um das innere Leben der hebräischen Sprache ist der Hinweis auf die junghebräische Lyrik wohl die beste Antwort. Das hohe Nireau dieser Lyrik, ihre völlige Modernität, die Abwandlung der weiten Skala heutigen Gefühlslebens in ihr, beweisen, daß das moderne Hebräisch aus tiefsten Seelengründen hervorquillt. So dichtet man in einer toten Sprache nicht. Aus dieser Spracherneuerung ging ein Zeitstil von sehr ausgeprägtem Charakter hervor. Lebendigkeit und Biegsamkeit, Reichtum und Farbenpracht, Pathos und Einfachheit, alle Möglichkeiten einer lebenden Sprache sind ihm eigen. Alles läßt sich in der Angepaßtheit des neuen hebräischen Sprachstils an die moderne Vorstellungswelt zusammenfassen. Die hebräische Sprache hat den Primat der Geistigkeit, der ihr aus ihrer Geschichte zufließt. Am meisten hängt aber der Charakter des Neuhebräischen von seiner Zusammensetzung ab. Die verschiedenen Phasen der Sprache stellen die Komponenten derselben dar. Seine wichtigsten Elemente holt es aus der Sprache der Bibel und aus der mischnaitischen Sprache in tanaitischer und agadischer Literatur. Das sind zwei sehr charakteristische Hauptphasen des Hebräischen. Das biblische Hebräisch ist zur Gänze im Sprachgebrauch. Nur die zweifelhaften seltenen biblischen Wörter, für welche die Melizah eine besondere Vorliebe hatte, sind zumeist außer Gebrauch gekommen. Das mischnaitische Hebräisch ist außer seinen Lehnwörtern durchaus in den Sprachschatz aufgenommen. In der Formenlehre herrscht die biblische Grammatik; in der Syntax sind alle beide Normen sprachgerecht, aber hier ist auch alles noch sehr fließend und unbestimmt. Doch auch die verschiedenen späteren Entwicklungsstufen des Hebräischen sind reich an Möglichkeiten und haben teilweise auch zum Sprachschatz beigesteuert. Viel haben wir dem rabbinischen, manches auch dem tibonidischen Stil zu verdanken. Die allgemeinsten europäischen Fremdwörter sind in Gebrauch. Wir erwähnen noch den Reichtum an Reminiszenzen, welcher dem Stil aller Schriftsteller eigen ist. Auch der Reichtum an individuellen Stilen zeichnet das moderne Hebräisch aus, und ist wohl mit ein Zeichen seiner Lebendigkeit. Es dürfte von Interesse sein, nach dieser Charakteristik auch die Aufeinanderfolge in der Entwicklung und die hauptsächlichsten Stilrichtungen kurz zu betrachten. Eine scharfe Scheidung in der Sprachentwicklung gegenüber der Meliza bedeutet der Stil Mendele Mocher Sfarims, er hat mit einem Male dem talmudischen Wortschatz Bürgerrecht verliehen und eine sprachliche Umwälzung hervorgerufen. S. Benzion und Bialik in ihrer Prosa folgen ihm in ihrer Sprachkultur und Gehaltenheit. Eine eigene Richtung und Schule in Stil und Sprache schuf auch J. M. Pines, gekennzeichnet durch biblische Syntax bei meist mischnaischem Wortschatz mit merkwürdigem Periodenbau von einer sehr eigenden Vorwurf, daß es deutsche Sprachbilder nachbildet und bringt folgendes Beispiel: Das deutsche „Häusermeer" wird mit „Thom hamoschab" wiedergegeben. Es handelt sich um das „T'chum Hamoschab", das für Ansiedlungsrayon (das russische Tscherta) eingeführt wurde und unzählige Male überall, wo über russische Juden gesprochen, angewendet wird. Irrtümlich gelesen und falsch verstanden, hieß es Häusermeer. (Tchum heißt in den Sabbatgesetzen „Grenze bis wohin", moschab heißt „Wohnung", also im eigentlichen Sinne „Wohnungsgrenze", „Ansiedlungsgrenze", was dem russischen Wort entspricht). Dr. Treitel beherrscht eben den modernen Sprachgebrauch nicht.

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