Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 237 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom lebendigen Hebräisch 237 oder talmudische Bedeutung hin prüfen und mit seiner jetzigen aus diesem Zusammenhange sich ergebenden vergleichen und man wird über die vorliegende Entwicklung staunen*). Die Sprache hat sich eben der Gesamtheit der im Volke lebenden Vorstellungen angepaßt. Ein ähnlicher Prozeß hat auch anderswo stattgefunden und könnte vielleicht zum Vergleich herangezogen werden. Einige zurückgebliebene Sprachen suchten sich erst kürzlich zu Kultursprachen, zu entwickeln und die gemeineuropäischen Begriffe sich auf einmal anzueignen. Ja, sämtliche Kultursprachen waren einmal in einer ähnlichen Lage, als sie die Stelle der bis dahin einzigen Literatursprache, des Lateinischen, einnahmen und zumeist Begriffe durch Wortübersetzungen aus dem Lateinischen hinübernahmen. Aber alle diese Sprachen wollten aus einer Umgangssprache eine Schriftsprache, eine Kultursprache herausbilden. Im Hebräischen war es eine Kultursprache von hoher Bedeutung, welche Einfachheit, Modernität gewinnen sollte. Inwieweit hat das Hebräische das wichtigste Kennzeichen einer lebenden Sprache erworben? Inwieweit fließt es aus dem seelischen Leben einer inneren Sprache? Die Renaissance des Hebräischen wurde von Anfang an von gewissen Volksgruppen in Osteuropa getragen. In diesen Gruppen lebt ein Sprachbewußtsein, und alle die, welche daran teilhaben, wissen anzugeben, was ein Wort in demselben bedeutet, die Nuance, die es hat, die Gefühlssphäre, der es angehört. Die meisten haben alle Wandlungen jedes Wortes noch selbst erlebt. Diese neueste Entwicklung des Hebräischen ist nicht älter als 30 bis 40 Jahre. Es besteht in gewissen Gruppen ein sprachliches Gemeinbewußtsein, welches sehr lebhaft ist und in den bedeutendsten lebenden hebräischen Schriftstellern sich ausdrückt. Es gibt Menschen, welche wohl die hebräische Sprache beherrschen, aber an diesem Sprachbewußtsein nicht teilhaben, entweder in einer älteren Sprachperiode leben oder trotz profunder Quellenkenntnisse die Sprache im Ausdrucke nicht beherrschen. Es gibt welche, die heute blühende Meliza oder unberührtes rabbinisches oder volkstümliches Hebräisch schreiben. Es sei ausdrücklich bemerkt, daß die letztere Gruppe in Osteuropa und im Orient sehr groß ist. Menschen aus der älteren Generation, denen die europäische Begriffswelt fremd ist, stehen hilflos dem modernen Hebräisch gegenüber trotz ausreichender Sprachkenntnisse. Aber es gibt auch unter den westjüdischen Gelehrten solche, die sowohl die hebräische Sprache als auch die modernen Begriffe beherrschen, denen aber das moderne hebräische Sprachgefühl abgeht und die sich daher garnicht hebräisch ausdrücken können; wenn sie es versuchen, gelangen sie zu einer ganz merkwürdigen fremdartigen Ausdrucksweise, weil sie an der Neuanpassung an den modernen Vorstellungskreis nicht teilhaben und nun diesen Prozeß auf eigene Faust noch einmal vornehmen, das Ergebnis ihres Versuches sich aber von dem bereits gemeinbewußten Sprachbestand abhebt und nun auf uns fremdartig wirkt**). Alle diese Erscheinungen beweisen *) Ich öffne Achad Haam (11,83) und zitiere einen Satz: Haideal schel haschlemut harmisarit schejacar lo haregesch hamusari, b'derech hitpatchuto leacmo: „Das Ideal der moralischen Vollkommenheit, das das moralische Gefühl auf dem Wege seiner Entwicklung sich geschaffen hat"; hier 1 Fremdwort, 1 Neuschöpfung, 6 Worte haben nicht mehr die alte Bedeutung. Schlemut ist aus dem tibonidischen Stil übernommen, hat aber eine neue Färbung; „musari" für „moralisch" hat die letzte Tönung in diesem Sinne erst spät erhalten. **) Als illustratives Beispiel sei aus einem Aufsatz „Der historische Gang der hebräischen Sprache'* von Dr. L. Treitel, Rabbiner in Laupheim (Festschrift zum 70. Geburtstag des Oberkirchenrats Dr. Kroner 1917) folgendes zitiert: Er macht dem Neuhebräischen