Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 236 (sequence 9)
- Language
- German
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236 E. M. Lipschütz: fragen. Eine schöne Literatur suchte den Wirklichkeiten und Idealitäten des Lebens Ausdruck zu geben, und ein frisch erwachtes Denken suchte sich auszusprechen» Es begann ein Zeitabschnitt von höchster sprachschöpferischer Bedeutung. Hauptsächlich galt es, die unterbrochene Entwicklung wieder aufzunehmen und das Hebräische dem modernen Denken anzupassen. Das Hebräische war ja Kultursprache, aber sein Kulturkreis war zuletzt in sich beschlossen und so gewissermaßen hinter modernem Geistesleben zurückgeblieben. Die Haskalah vollends hatte auf das bereits Erzielte verzichtet. In den letzten Zeitabschnitten aber hat sich ein gemeineuropäisches Denken, eine kulturelle Universalität herausgebildet, die für gewisse Geistessphären beinah von den Einzelsprachen nicht mehr bedingt ist, und eine Anzahl von Begriffen, zumeist sogar von gemeinsamen Fremdwörtern getragen, kann in allen Kultursprachen gleicherweise ausgedrückt werden, in Worten, die sich in ihrem Bedeutungsumfang voll decken. Es galt also, durch eine Auseinandersetzung mit modernem Denken, aus geistigem Geschehen heraus eine Erweiterung der Sprache zu erzielen. Es galt hauptsächlich die modernen Begriffe dem Hebräischen zu erobern. Einige bedeutende Stilisten, deren sprachschöpferische Leistung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, waren am Werk. Europäischen Kulturbegriffen wurde ein hebräisches Wort angepaßt, das sich in seiner Bedeutung teilweise mit jenen deckte, jetzt aber ihren vollen Umfang beigelegt erhielt. Oft vollzog sich der Bedeutungswandel unbewußt; er war stufenweise, teilweise noch in der Melizah-Zeit vor sich gegangen und jede Stufe hatte eine bereits früher erreichte zur Voraussetzung. Ein Wort wurde vorerst okkasionell im tatsächlichen Zusammenhange in einer speziellen Bedeutung gebraucht, und diese wurde dann usuell und setzte sich fest. Zumeist geschah es so, daß ein Wort von konkreter Bedeutung jene abstrakten Bedeutungen erhielt, welche ein dieser entsprechendes Wort auch in europäischen Sprachen besitzt. Oft merkte man es gar nicht, daß hier eine teilweise Unterschiebung eines anderen Bedeutungsumfangs oder ein Bedeutungswandel vorliegt. Zumeist lag der Fall wohl so, daß mehr als eine Möglichkeit vorhanden war, daß auch ein anderes hebräisches Wort zur Deckung des Begriffes hätte herangezogen werden können, aber sagen wir die zufällige Wahl des Ersten, der das Wort gebrauchte, der vielleicht seiner persönlichen Neigung oder auch der Tendenz des angefangenen Bedeutungswandels gefolgt war, seine Wahl hat entschieden, der Gebrauch eines Wortes für diesen Begriff ist usuell geworden und ist heute gegeben. So hat sich die Anpassung der hebräischen Sprache an die Bedürfnisse des modernen Denkens und Lebens vollzogen. Die meisten hebräischen Worte haben nicht mehr ganz und nicht immer die alte Bedeutung, die meisten gangbaren europäischen Begriffe können heute eindeutig ins Hebräische übersetzt werden. Man denkt selten daran, was das bedeuten will, daß wir Wörter, wie Faktor, Bewegung, Strömung, Streben, Substrat, Verbreitung*) ohne nachzudenken hebräisch übersetzen und ob sie wohl auch ursprünglich diese Bedeutung haben. Man kann jeden beliebigen Satz aus einem modernen hebräischen Schriftsteller vornehmen und Wort für Wort auf seine alte biblische *) Gorem, T'nuah, Zerem, Sch'ifah, Maca', Hafaca, Haschkafa; Haschkafat olam (Weitanschauung), N'kudat macab, Emdah (Standpunkt).