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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 235

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
235 (sequence 8)
Language
German
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Vom lebendigen Hebräisch 235 Rabbinismus, der auch den rabbinischen Stil traf, oder war es einfach eine Reaktion auf die Stilverwilderung — für jeden Fall machte sich da teilweise der Einfluß eines älteren Purismus und Musivstils in der spanischen Blütezeit geltend, welcher bei Sefardim noch teilweise nachklang; die Bahnen dieses Einflusses sind leicht nachzuweisen. Zum Glück wurde der Sprachkanon des Biblismus nur bei sehr wenigen voll und ganz erreicht. Im ganzen Verlauf der Haskalah gab es auch hervorragende Stilisten, welche sich nur wenig daran kehrten (S. D. Luzatto, N. Krochmal, I. Rall, S. J. Bick, E. Zweifel). Der Purismus und die Melizah hätten die lebendige Entwicklung des Hebräischen für immer aufheben können, aber die natürlichen Kräfte der hebräischen Sprache waren stärker als all die Bestrebungen. So haben wir der Melizah auch manches positive Entwicklungsmoment zu verdanken, Ihr Verdienst war zweifellos die Zurückführung aus der Verwilderung zur biblischen Grammatik. In der Formenlehre ist auch seither die biblische Norm in voller Geltung geblieben. Gerade der kleine biblische Wortvorrat zwang die Stilisten, hart mit dem Sprachstoff zu ringen, und sie holten aus ihm alle in ihm verborgenen Möglichkeiten heraus. Die Gedanken, die sie ausdrücken wollten, waren ja modern, wenn auch primitiv; unwillkürlich geschah es, daß die Bedeutung der Wörter sich erweiterte, um die verschiedenen ausgeschalteten nachbiblischen Wörter zu ersetzen, daß sie neue Nuancen annahmen, eine Bedeutungsverschiebung stattfand, die dieselben ähnlichen deutschen Wörtern unseren Ausdrucksbedürfnissen nahebrachte. Die größte Zahl der biblischen Wörter erhielten damals jene Bedeutung, die sie noch heute haben. Der biblische Purismus der Melizah hat es in der deutschen und österreichischen Haskalah richtig bis zum Aufhören des Hebräischen überhaupt gebracht. In der galizischen und russischen Haskala erreichte der Purismus gerade am Ende seinen Höhepunkt (J. Kohen Zedek, A. Mapu, K. Schulmann). Es wurde aber auch der hebräische Stil zuletzt flüssiger und geschmeidiger (P. Smolenski), und hier war es auch, wo der Aufstieg zu einer neuen Phase der hebräischen Sprachentwicklung sich vollzog. Gleichzeitig etwa mit dem Beginn der nationalen Bewegung hat sich das Hebräische von den Fesseln des Purismus und der Melizah befreit. Die biblische Sprachkanon wurde gebrochen, die nachbiblischen Wörter wurden wieder zugelassen, zuerst zaghaft, dann beherzt. In einer Periode des Überganges gestattete man den Gebrauch nachbiblischer Wörter nur, wenn für den betreffenden Begriff ein biblisches Wort nicht vorhanden ist. Bald aber verschwand jeder Unterschied in der Wertung der Worte; sie wurden alle in gleicher Weise als hebräisch erachtet Damit war mit einemmal eine gewaltige Vergrößerung des Wortschatzes eingetreten. Noch wichtiger aber wurde die Verabschiedung der Melizah. Man hörte auf, Redewendungen und Versstücke zusammenzufügen, und das lebendige Schaffen des Ausdrucks war wieder da. Man sprach wieder Gedanken aus in natürlicher Weise, nicht gedreht, nicht gewunden, so etwa wie man sie dachte oder natürlich denken konnte, und der schriftliche Ausdruck war dem Gedanken nicht ferner als in jeder lebenden Sprache. Gewisse Inhalte, die aus sprachlichen Rücksichten bis jetzt. hebräisch nicht gesagt zu werden pflegten, eroberten sich die Literatur. Das Hebräische wurde ein Ausdrucksmittel fürs Leben. Eine hebräische Journalistik beschäftigte sich mit Tages-

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