Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 234 (sequence 7)
- Language
- German
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234 £. M. Lipschütz: hat es nicht zur einzelmenschlichen Lebendigkeit gebracht, während das Herz jedes Juden im hebräischen Gebet schluchzte und jauchzte, die Seele in Bangigkeit sich krümmte und in Seligkeit verging. Die hebräische Sprache war eben mehr als Schriftsprache, sie war Kultursprache, Nationalsprache, ja Volkssprache, nur nicht Umgangssprache und stellt so einen ganz eigenartigen Typus dar. Die hebräische Sprache blieb auch im Zustande eines solchen schriftlichen Lebens bis zur Zeit der jüdischen Aufklärung, der deutschen Haskalah (1750). Im letzten Jahrhundert vor der Haskalah war der rabbinische Stil stark verwildert. Hier hätte guter Geschmack wohl läuternd wirken können. Das taten auch die ersten Maskilim (Mendelssohn, Wessely). Sie führten ein biegsames, klares, bewegliches rabbinisches Hebräisch und formten darin Gedanken ihrer Zeit. Aber bald trat eine starke Änderung ein, es wurde ein biblischer Purismus proklamiert. Es wurde der Sprachkanon des Biblismus aufgestellt. Nur der Wortschatz der Bibel ist hebräisch, nur ihr Sprachgebrauch ist sprachgerecht, Einige verstiegen sich zur Forderung, auch biblische Wörter nur in Formen zu gebrauchen, in denen sie in der Bibel vorkommen. Was nicht biblisch ist, in Wort und Syntax, ja für viele sogar jede spätere Bedeutungserweiterung, ist zu berichtigen. Damit war der ganze große neuhebräische Wortschatz ausgeschlossen, alle Entwicklungsstufen in Ausdruck und Satzbau verworfen, die Möglichkeiten des Gedankenausdrucks beschränkt und die Sprache schier jeder Spur von Lebendigkeit beraubt Sehr folgerichtig kam auch bald die „Melizah", der Musivstil, auf. Nicht nur Wörter,* sondern auch Wortverbindungen wurden aus der Bibel herausgeholt und aus lauter biblischen Reminiszenzen wurde eine überladene, selten maßvolle Prosa zusammengefügt. Es kostet diesen Stil nur der Kenner aus, der all die Bezüglichkeit herausfühlt und die Anwendung im uneigentlichen, von dem neuen Zusammenhange bedingten Sinne zu würdigen weiß. Es ist klar, daß diese Bestrebungen, wären sie zur vollen Wahrheit geworden, den Tod des Hebräischen als einer lebendigen Schriftsprache bedeutet hätten. Auf die bereits erzielte Anpassung des Hebräischen an das Denken der Gegenwartsmenschen wurde verzichtet, die lebendige Entwicklung unterbrochen — daß da kein Sprachleben aufkommen konnte, ist selbstverständlich. Mit jedem modernen Gedanken plagte man sich ab, wie ihn zu fassen, veränderte ihn so lange, bis kaum ein Schein von ihm übrig blieb, und dann wurde er mit Bibelversen annähernd ausgedrückt. Hier ist jeder Ausdruck in einer anderen Sprache vorgedacht und nie eigentlich zum Ausdruck gebracht. Nicht die Sprache wurde hier dem Gedanken, sondern der Gedanke der Sprache angepaßt. Die Metapher wurde durch ihren musivischen Gebrauch ihres Lebens beraubt. Dieser blühende Stil war so dennoch ohne jede lebendige Metapher. Ähnliche Bestrebungen der Humanisten haben das Latein des Mittelalters seiner Geltung als Weltsprache allmählich beraubt. Die Ähnlichkeit der beiden Bewegungen ist ganz merkwürdig. Was dem Humanisten ciceronianisches Latein, das war dem Maskil biblisches Hebräisch. Hier wie dort hat man Musivstil gepflegt, Redewendungen aneinander geleimt. Ein Schulbuch der Haskalahzeit empfiehlt Phrasenhefte anzulegen, eine Anzahl von Redewendungen aufzugeben, um dieselben in einer Stilübung zu verarbeiten, ganz wie es Neulateiner bis hart ins vorige Jahrhundert geübt hatten. Wie diese puristischen Bestrebungen der Haskalah entstanden sind, läßt sich schwer sagen. War es ein Protest gegen das historische Judentum, gegen den