Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 233 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom lebendigen Hebräisch 233 eine große lebendige Innerlichkeit aufzuweisen. Schon die Unterrichtsmethode der Schule war darauf eingerichtet, vor allem eine Intimität, eine Verinnerlichung der gelernten hebräischen Schriften zu erzielen. Aus dem Gebet und dem Gottesdienst erwuchs ebenfalls intimes Erleben der Sprache. Das Gebet, das Sidur, war eine Quelle von Leben für die hebräische Sprache. Auch das „Lernen" nahm ja bei sehr breiten Schichten einen großen Raum ein. Jeder hatte je nach seinem Bildungsgrad Pflichtlektionen in hebräischen Schriften auf sich genommen. Die Gelehrten aber brachten ja ihre ganze Zeit nur mit hebräischen Schriften zu. Es ist klar, die Menschen dachten wohl hebräisch, wenn auch gleichzeitig mit noch einer anderen Sprache. Wie solchermaßen zwei Sprachen in der Seele nebeneinander leben, sich beeinflussen, sich in die Denksphären teilen, ist an und für sich interessant. Für jeden Fall muß da bis zu einem gewissen Grade von einer inneren Sprache gesprochen werden* Eine Einschränkung muß aber offensichtlich gemacht werden. Die hebräische Sprache war die ganze Diasporazeit über eine lebendige Schriftsprache, aber keine Umgangssprache; sie war Gelehrtensprache und Literatursprache — wenn auch Literatursprache im Sinne vitalster Volkstümlichkeit zu verstehen ist —, lebte wohl auch als innere Sprache bei sehr großen Gruppen, lebte wohl auch teilweise und mittelbar in den jüdischen Mischsprachen, aber Umgangssprache war sie nicht oder nur in beschränktem Maße*). Es muß im Sprachleben auch ein solcher Typus einer lebendigen Schriftsprache festgestellt werden. Gewissermaßen führen ja alle Schriftsprachen ein Leben für sich; die wenigsten sind ja Gemeinsprachen im weitesten Sinne, aber genährt werden sie vom Mutterboden der Dialekte. Das Hebräische freilich war eine Schriftsprache, welche wohl die jüdischen Volksidiome nährte, aber von ihnen nicht viel zu empfangen hatte. Das Hebräische war aber auch mehr als Schriftsprache. Ganz ohne Beispiel wäre ja das nicht. Die lateinische Sprache bis zur Renaissance stellt wohl den Typus einer lebendigen Schriftsprache dar, die den Ausdrucksbedürfnissen der allgemein-europäischen Wissenschaft und Kirchlichkeit völlig genügte, bis die Humanisten sie ihrer Anpassungsfähigkeit beraubten. Andererseits sind auch starke Unterschiede da, die wieder die beiden Spra'chzustände als sehr verschiedene Typen erscheinen lassen. Erstens die schon erwähnte Tatsache, daß das Lateinische in seinem innersten Wesen verändert wurde und seine vitalsten Elemente ihren Inhalt wechselten. Dann, daß das Lateinische mit seiner Internationalität auch die Vitalität'des Zusammenhanges mit einem Volke verlor, während die nationale und national empfundene Bedeutung des Hebräischen ihm wohl auch Lebenskraft zuwachsen ließ; das bedeutet auch sprachpsychologisch einen großen Unterschied. Außerdem ist ja der volksfremde Lateiner nicht mit dem volkstümlichen Rabbiner und Gelehrten zu vergleichen. Das Lateinische war ja auch nie Volkssprache, während das Hebräische trotz seines schriftlichen Lebens auch Volkssprache war, wie ja die Wasserträger und Schuster, die Krämer und Schänker wohl bei den Juden Hebräisch verstanden, aber nicht anderswo Latein. Selbst die lateinische Gebetsprache *) Es sei hier an einen oft zitierten Bericht von Parchon erinnert: die hebräische Diktion der französischen Juden wäre lebendiger, weil oft Reisende von Land zu Land bei diesen vorbeikommen und sie sich dabei hebräisch unterhalten. Mahberet ha-aruch, Pressburg 1842, in der Einleitung Rappaports.