Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 232 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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232 E. M. Lipschütz: Hinzu kommt noch, daß das Hebräische die breiten jüdischen Massen erfaßte. Der Lehre und dem Gebet war der Letzte aus dem Volke nahegekommen, keiner war ohne Berührung mit den hebräischen religiösen Dokumenten. Das Eindringen einer Literatur in das Volk in solcher Weise ist wohl geschichtlich ohne Beispiel. Schön die Tatsache der Existenz von volkstümlichen Stilen gibt ja zu denken. Alle diese Momente sind so einzig, unvergleichlich, sprachgeschichtlich ein Novum, daß man an ihnen vorbeiging und sie garnicht beachtete. Ob das Hebräische auch in allen Zeiten in einer inneren Sprache, in der Psyche von Volksgruppen wurzelt, ob es in den Seelen lebt? Das wird wohl in verschiedenen Zeiten und Ländern in verschiedenen Graden der Fall gewesen sein. Es wird ja kein Mensch daran denken können, daß die großen Dezisoren- und Responsenwerke und Kommentare aus einer inneren Übersetzertätigkeit heraus geschrieben wurden. Klar ist, daß die Menschen sich durchaus in der hebräischen Sprache geistig auslebten. Des ganzen Volkes Geistesleben war hebräisch, jede sogar nicht literarische Korrespondenz war hebräisch. Sie konnten all ihr Denken wohl auch nur in hebräischer Sprache voll und ganz zum Ausdruck bringen, sie verfügten wohl in keiner anderen Sprache über eine Terminologie für irgendeinen Zweig des Wissens oder Lebens. Die Rechtslehre, wie alle Wissenschaft war hebräisch, medizinische Handbücher der praktizierenden Ärzte waren hebräisch, selbst der Handel verfügte nur über eine hebräische Terminologie. Diskutierten sie im Lehrhause über ein talmudisches Thema, so führten sie das Gespräch im Grunde genommen hebräisch; so blieb es auch im Leben, sobald ein Gespräch mehr Gewicht bekam. Das Gedankliche, das eigentlich Seelische blieb in all den fremden Idiomen hebräisch; fremd waren hier nur Verbindungselemente, Füllsel, Wortflicken. Der hebräische Wortreichtum der verschiedenen jüdischen Mischsprachen ist größer als der Wortschatz eines einfachen Menschen in jeder lebenden Sprache*). Dies ist ein gemeinsames Merkmal all dieser jüdischen Idiome, des Jüdisch-Deutschen, des Jüdisch- Spanischen, des Jüdisch-Persischen und des Jüdisch-Arabischen. Die hebräischen Worte in den Volkssprachen haben einen hohen Grad von Lebendigkeit. Der hebräischen Sprache erwuchs immer viel Lebendigkeit aus der steten Beschäftigung mit dem hebräischen Schrifttum. Es war ja kein Jude, der nicht immer wieder aus Torah und Gebet lebendiges hebräisches Sprachgut aufnahm. Mit Gott und von Gott und seinem Willen sprach man ja immer hebräisch. Bei der Wichtigkeit, die das Klangbild für die Intensität des Wortlebens hat, ist das rein quantitative Moment zu beachten, daß der Jude eine riesig große Anzahl von hebräischen Wörtern täglich im Gebet aussprach, oft mehr als im profanen Leben. Die Zahl der hebräischen Wörter, die durch das Gebet zu voller Lebendigkeit kamen, war bei allen sehr groß. Diese Sprachelemente waren gefühlsbetont, individuell gefärbt. Schon der Psalm, aber auch das spätere Gebet ist einzelmenschlich betont, seelisch fassend und erschütternd, und so waren auch ihre Worte von individuellem Gefühlsleben erfüllt und hatten *) Eine vorzügliche Sammlung der hebräischen Sprachelemente im Jüdisch-Deutschen von Tawiew in der Vierteljahrsschrift „Haseman" ist nicht ganz erschienen. Zur Illustration eine Redewendung, die ich heute gerade von einer alten Frau hörte: „Die Jisurim waren chibut hake wer" die letzten zwei Worte adverbial gebraucht. Alle drei Worte aus der religiösen Begriffswelt. Solche Sammlungen wie die Tawiews brauchen wir für alle jüdischen Mischsprachen.