Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vom lebendigen Hebräisch
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 231 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom lebendigen Hebräisch 231 Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß das Hebräische vor anderen Sprachen dies voraus hat, daß das Gedankenleben des Volkes, dessen ausschließliche Trägerin es war, nie eine gewaltsame Unterbrechung erfahren hat, welche den Gehalt der Sprachelemente plötzlich verändert hätte. Es sei als Beispiel das Lateinische erwähnt, das zuerst durch einen schwer abzumessenden Einfluß des Griechischen gewaltige Veränderungen erfahren hat: außer unzähligen Lehnwörtern erfüllten noch mehr Lehnübertragungen alte lateinische Wörter mit neuen griechischen Gedanken und Gefühlen, und später nach der Christiichwerdung floß wieder viel jüdisches Gedankengut in lateinische Wörter und veränderte den Inhalt derselben, so daß diese Wörter ihrem ganzen seelischen Gehalte nach griechisch oder hebräisch sind. Dazu müssen wir noch bedenken, daß es zumeist gedanklich bedeutsame und seelisch betonte Wörter betrifft. Von einer solchen Änderung wurde ja nach der Christlichwerdung auch das Deutsche betroffen, welches noch dazu zur Schrift- und Gemeinsprache sich aus einer Übersetzung der hebräischen Bibel bildete. Es ist ja klar, daß alle Wörter der Welt- und Lebensanschauung, alle Wörter des religiösen und ethischen Gefühlslebens ihre ursprünglich heidnische Färbung verloren und einen neuen jüdischen oder hellenistischen Seelengehalt aufnahmen. Während von solchen Gedankenrevolutionen die meisten Kultursprachen betroffen wurden, ist das Hebräische der Träger einer kontinuierlichen Gedankenwelt durch alle Zeit, und dieselben Wörter waren Träger derselben Gedanken und Gefühle durch die Jahrtausende. Diese Gedankenwelt erfüllte das Volk und lebte ununterbrochen, und mit ihr lebte die hebräische Sprache, welche die ureigensten Ausdrucksmittel für die jüdischen Seelengebilde besaß, die das jüdische Volk nie durch anderssprachige Wörter ausgedrückt hat, für die es zumeist die hebräischen Wörter in alle Sprachen hinübernahm. Die alten und ältesten hebräischen Wörter, mit gedanklichen Assoziationen und reichem Gefühlsgeleite ausgestattet, sind in steter Verbinduug mit dem jüdischen Gedanken von größter Lebendigkeit, Be-. seeltheit und Innerlichkeit. Das hebräische Wort ist der Träger der jüdischen Geisteskontinität und kulturellen Ununterbrochenheit. Das Hebräische allein ist der volle Ausdruck des nationalen Geistes in seinen Anfängen und in seinem langen Geschichte und Entwicklung. Das gemeinpsychische Leben der Juden war in der Diaspora stets hebraiscn; soweit die Gemeinschaft das Zusammenleben ordnete und mit Sicherungen und Ordnungen umgab, war ihre Sprache hebräisch. Das Leben war von einem hebräisch-sprachlichen Rahmen eingefaßt. Das Volk, die Nation hat nie anders als hebräisch gesprochen. Dies ist rein sprachpsychologisch ein sehr bedeutsames Moment, weil es eine ganz eigenartige Gefühlsbetontheit ergibt. Es sei noch betont, daß das Verhältnis des jüdischen Menschen zu dem hebräischen Schrifttum, zum hebräischen Wort, sehr realer Natur war, von einer wahrhaften Wirklichkeit und Verwirklichung, die vergeblich unter andersvölkischen Menschen im Verhältnis zu einem geschriebenen Wort nach einem Beispiel suchen würde. Die hebräische Sprache war so die Sprache der jüdischen Realität. Das Verhältnis des Volkes der Schrift zur Schrift war eben ganz einzig. Die Schrift und ihr Wort war so gefühlsbetont und so lebenswirklich, daß Schrift Leben war. Das Leben des Einzelnen und der Gemeinde bewegte sich in religiösen Rechtsordnungen und empfing seinen Befehl und seine Sanktion von hebräischen Religionsschriften, vom hebräischen Wort. ir