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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 230

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
230 (sequence 3)
Language
German
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230 £. M. Lipschütz: Leben bemerken. Auch in lebenden Sprachen kann man einige Formen als tote betrachten, wenn auch die nach ihnen gebildeten Worte noch im Gebrauch, sie selber aber dem Sprachbewußtsein nicht mehr klar sind und daher außer Gebrauch kamen. Nebendem gibt es auch noch Fälle verminderten Lebens an Elementen, die wir als archaistisch, als veraltet empfinden. In dem Sinne all des Gesagten war die hebräische Sprache nie eine tote Sprache. Vor allem trug sie immer die Anpassungsfähigkeit als Kennzeichen ihrer Lebendigkeit an sich. Die hebräische Sprache war immer für die geistigen Träger des Volkstums, für die gedanklich lebendigste Gruppe des Volkes der volle Ausdruck ihres Gedankenlebens. Ihre tiefsten Gedanken und ihre feinsten Gefühle waren für sie in einer anderen Sprache unsagbar. So waren die verschiedenen Phasen der Sprache zu ihrer Zeit ein völlig brauchbares Ausdrucksmittel zeitgenössischer Gedanken, so das mischnaitische Hebräisch, der poetanische, der rabbinische, der sefardische Stil der Dichter und der andere der Übersetzer, der kabbalistische und der chassidische Stil. Neben diesen herrschenden Zeitstilen einherlaufend, der bürgerliche und volkstümliche Stil einer jeden Periode — wohl merkwürdig und einzig für eine literarische Sprache*). In ihrer Sprache walteten diese Menschen souverän. Ihr Hebräisch steht unter dem Zeichen des Schaffens, sie schaffen immer neue Wortverbindungen, schaffen Wortformen und verändern die Zusammensetzung des Sprachstoffes. Veränderungen an der Sprache gehen in jeder Phase derselben vor sich. Die Sprachkategorien haben ihre Geschichte, manche verschwinden, kommen außer Gebrauch, andere erweitern ihren Gebrauch. Auch Wörter haben eine Geschichte, die das Geistesleben der Zeiten widerspiegelt. Von hohem Interesse ist das Ringen manchen Begriffes um einen Ausdruck, bis sich ein Wort durchsetzt Im Ringen mit anderen Idiomen nuanciert sich das Hebräische. Die verschiedenen jüdischen Stämme der Diaspora zeichnen sich durch eine eigene Färbung, beinah schon einen eigenen Dialekt, im Hebräischen aus. Die Generationen schufen einen eigenen Zeitstil, der der Ausdruck ihrer Eigenart und ihrer Kulturstufe ist. Stark hebt sich im gaonäischen Zeitalter das palästinensische Hebräisch vom babylonischen Gaonenstil ab. Später unterscheidet sich scharf die natürliche Entwicklung des Hebräischen im rabbinischen Stil der französischen und deutschen Juden von den mehr künstlichen neuanfangenden, puristischen arabisierenden Stilversuchen bei den spanischen Juden. Man müßte zu weit ausholen, um darüber ein Näheres zu sagen. Eine Geschichte des Hebräischen im Mittelalter ist noch nicht geschrieben, das Material ist noch nicht unter diesem Gesichtspunkte gesammelt**). Aber es ist klar, die hebräische Sprache hat eine Geschichte, d. h. sie lebt all die Zeit des jüdischen Galut. *) Aus Reminiszenzen bürgerlichen und volkstümlichen Stils schufen heute J. L. Perez in den Erzählungen eines Melamed, M. J. Berdyczewski und S. J. Agnon einen sehr kenntlichen unterscheidbaren archaistischen, volkstümlichen Stil, der ja nur möglich ist, weil es solche volkstümliche baalbatische Ingredienzien gibt. (Abgesehen von dem andersgearteten Versuche Mendele Mocher Sfarims.) Zu volkstümlicher Literatur älterer Perioden gehörten einige Midraschim, Josipon, Sefer Hajaschar, die Alexanderromane, Legenden werke, hebr. Maasse-Bücher. Die volkstümliche Literatur und ihr Stil sind zumeist unerforscht. **) Einige hochinteressante Studien am Anfang der jüdischen Wissenschaft vonZunz über die Geschichte hebräischer Wörter (kaanparsem) und über die Versuche, die Begriffe: „übersetzen, verfassen", wiederzugeben, sind vereinzelt geblieben. (Gesammelte Schiiften S. 31, 50, 68). Über Stilentwicklung bei „Sefardim und Franzosen" schrieb ich im „Haschiloach" IV 435*

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