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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 229

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Vom lebendigen Hebräisch
Date
1918-01-01
Page
229 (sequence 2)
Language
German
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Vom lebendigen Hebräisch 229 zu einer lebendigen Sprache werden. Nun ist es aber nötig, daß wir uns klar werden, was eine lebendige Sprache ist und wie sich dieser Prozeß der Verlebendigung einer toten Sprache vollziehen soll. Der Unterschied zwischen einer lebenden und einer toten Sprache ist nicht viel oder gar nicht behandelt worden, wäre aber aus den Ergebnissen der allgemeinen Sprachwissenschaft heraus leicht zu bestimmen/ Steinthal und Hermann Paul haben uns die Erkenntnis vermittelt, daß alles Sprachleben auf der Welt des Unbewußten in der Psyche, auf verzweigten, verschiedentlich miteinander verbundenen seelischen Gebilden ruht. Diese psychischen Proportionengruppen in ihrer Gesamtheit bilden die innere Sprache, aus welcher alle Sprachtätigkeit und Sprachschöpfung fließt: sie stellt den Sprachschatz jedes Einzelnen dar, seinen Vorrat an Worten, an Bildungs- und Verbindungsmöglichkeiten, an Ausdrucksmitteln für seine Persönlichkeit. Sprache ist ein stetes Schaffen. Der Mensch schafft im Sprechen Formen und Verbindungen, die noch nie in seinem Bewußtsein waren oder zumindest jetzt ihm nicht gegenwärtig sind. Es wird kein Mensch behaupten wollen, daß er sämtliche Verba und Nomina seiner Sprache in allen möglichen Formen eingeübt habe, oder gar, daß er die Satzverbindungen, die er gebraucht, aus dem Gedächtnis wiederhole. Vielmehr schafft der Mensch die Wortformen und Satzverbindungen, die er gebraucht, stets wieder. Eine lebende Sprache ist also die, welcher eine innere Sprache in dem Seelenleben einer völkischen Gruppe entspricht, aus der heraus die Sprechenden immer sprechend schaffen. In einer lebenden Sprache kann der Gedanke sich immer das Sprachkleid weben. In einer begnadeten Stunde geboren, schaffen Gedanke und Ausdruck aneinander mit, und kein Gedanke ist so völlig neu, daß er nicht irgendwie seinen Ausdruck finden könnte. So ist eine lebende Sprache der immer anpassungsfähige Ausdruck für das Denken eines Volkes. Die lebende Sprache ist in steter Bewegung, in steter Entwicklung, in immerwährendem Geschehen; sie hat eine Geschichte. Aus ihrer fließenden Masse formt sich der Ausdruck des Allgemeinsten der Volkheit und des Besonderen des Einzelnen. Tot also ist eine Sprache, deren Geschichte einmal völlig abgebrochen wurde, die vom Seelenleben einer Volksgruppe losgelöst ist. Zumeist bedient sich einer toten Sprache kein Mensch mehr, geschieht dies aber, so ist es doch nicht Sprachleben. Ihr fehlt Unmittelbarkeit. Sie fließt nicht aus der inneren Sprachbewegung völkisch geeinter Menschen, in ihr werden nicht Gedanken unmittelbar gedacht und ausgedrückt, sondern Gedanken in einer anderen Sprache gedacht, werden in sie künstlich übertragen. Es wird in ihr nicht mehr mit den Gedanken geformt, in ihr entstehen keine neuen Formen. Mit der Entwicklung des Gedankens hat die Bildung neuer Wortverbindung in ihr aufgehört. Diese Sprache wird aus dem Gedächtnis reproduziert, weil das Gefühl für ihre lebendige Bedeutung abgeht. Eine tote Sprache wächst nicht mehr mit dem Gedanken der Zeit, ist nicht mehr anpassungsfähig. Sie entspricht dem Gedanken einer verflossenen Periode. Sollen neuzeitliche Gedanken in ihr Ausdruck finden, müssen diese erst wesentlich verändert werden, um sich anpassen zu können, dann müssen Wortverbindungen aus der klassischen Literatur herbeigeholt werden, um annähernd den Gedanken auszudrücken. Die Individualität findet in ihr keinen Ausdruck. So ist sie nicht mehr entwicklungsfähig, sie hat keine Geschichte mehr. An einzelnen Sprachelementen kann man verschiedenstufige Grade von Heft 5. I7

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