Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 227 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 227 zum ersten Mal einen Talit, den ihm die Braut am Hochzeitstage geschickt hat, zum Beten anlegt.*) Gleichzeitigversammeln sich am anderen Morgen die Mutter und verwandte Frauen um die junge Frau, wobei ihr das jungfräuliche Haar mehr oder weniger kurz abgeschnitten wird, und setzen .ihr eine Perücke auf, die sie gestern von ihrem Mann bekommen hat. Die Perücke hat in ihrer Form verschiedene Entwicklungen durchgemacht. Früher und noch im vorigen Jahrhundert bestand sie im Osten aus einem Seidengeflecht in runder Form, das man schon fertig auf den Kopf setzte (sog. Kupka). An der Stirnseite wurde eine Art mit Perlen besetztes Diadem angebracht, das sog. „Sterntüchel",**) das selbst arme Bräute mitbekamen. An beiden Ecken hingen Anhängsel aus Perlen oder Diamanten in Form langer Ohrgehänge, unter denen noch außerdem die eigentlichen Ohrgehänge getragen wurden. (Ein solcher Frauenkopf ist auf Moritz Gottliebs Gemälde „Betende Juden am VersöhnungstageM zu sehen). Später kam an Stelle der sog. „Kupka" eine gewöhnliche haarähnliche Perücke, aber aus Seidenfäden, das sog. „Haarband". In letzterer Zeit wurde allgemein, nur nicht bei den Zaddikim, eine gewöhnliche Perücke aus Menschenhaar heimisch, welche die jungen Frauen derart geschickt frisieren, daß man sehr schwer erkennen kann, ob sie eine Perücke oder ihr eigenes Haar auf dem Kopfe tragen. Der Brauch, daß jüdische Frauen ihr Haar zur Hochzeit schneiden lassen oder es wenigstens öffentlich nicht unbedeckt tragen, scheint sehr alt zu sein. Der Anlaß dazu scheint ein talmudischer Ausspruch zu sein, daß die öffentliche Entblößung des Haares einer Frau unkeusch sei (Saar heischah erwah. Tr. Beraktot 24/1), da es zur Keuschheit einer Frau gehöre, ihre Reize zu verhüllen, zu denen zweifelsohne auch das Kopfhaar gehört. Es haben deswegen aus diesem Grunde, wie auch wegen eines etwaigen Hindernisses beim rituellen Bade, fromme Frauen vorgezogen, ihr Haar nicht zu tragen. Das Schneiden der Haare wie das-Tragen einer Perücke war bis vor nicht langer Zeit bei allen jüdischen Frauen überall üblich. Im Westen sieht man es seltener. Im Osten dagegen ist der Brauch bei der überwiegenden Masse des Volkes noch heute lebendig, doch wird auch hier, besonders in den größeren Städten die Zahl der perücketragenden Frauen zusehends kleiner. Manche Frauen, in den größeren Städten, lassen zwar ihr Haar nicht schneiden, tragen aber doch darüber eine Perücke, deren Haare sie mit den eigenen derart verbinden, daß man die Perücke gar nicht bemerkt. Mit dem Hochzeitsabend ist aber die Hochzeit noch nicht zu Ende. Nach altjüdischer Tradition bilden noch die auf den Hochzeitstag folgenden sechs Tage eine Fortsetzung des Festes (Schibat jeme mischte). Das Ehepaar trägt somit auch in den folgenden sechs Tagen seine Sabbatkleider. Das Streimel dagegen trägt der junge Ehemann an diesen Tagen nicht, mit Ausnahme des Sabbats. Im Hause des Brautpaares bezw. bei den Eltern, wo sie auf Kost bleiben, werden täglich zu einem intimen Mahle Verwandte und Freunde geladen und hei Tisch die sieben Segenssprüche für die Neuvermählten (Scheba brachot) gesagt. Außer Geldgeschenken für Arme und wohltätige Anstalten schicken die El- *) Im Westen bekommt der Knabe schon zur „Bar-mizwah" einen Talit, im Osten dagegen erst zur Hochzeit. Der Talit ist hier das Zeichen des verheirateten Mannes. **) Das „Sterntüchel" galt als notwendiger Gesichtshchmuck einer jeden, selbst der ärmsten Frau und wurde vom Mann als „mein Weibs punim" (Gesicht) bezeichnet, da man Slch ohne „Sterntüchel" in Synagoge und Gesellschaft nicht zeigen konnte.