Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 226 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101143-3103477--2549-3103523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
226 Samuel Rappaport: der Braut, eines Spitzentuches, daß ihr der Bräutigam am Hochzeitstage geschenkt hat, geht der Tanz vor sich. Die Reihenfolge bestimmt der Badchen, der die Tänzer einzeln zum „Mizwe-Tänzel" aufruft. Beim Nahen des Tänzers erhebt sich die Braut, deren Gesicht noch immer mit dem Decktuch tief verschleiert ist, streckt ihre Rechte hin, in der sie das Taschentuch hält, dessen Zipfel der Tänzer anfaßt, worauf bei den lustigen Klängen der Musik einige Umdrehungen an derselben Stelle gemacht werden. Nachdem der Tänzer den Zipfel losgelassen hat, nähert sich der folgende Tänzer, vom Badchen gerufen. Dies wiederholt sich, bis alle die Pflicht des „Mizwe-Tänzel" erfüllt haben. Den Reigen beginnt der junge Ehemann, hierauf die Eltern, Würdenträger, Rabbiner oder Verwandte bis zum letzten Gaste. Nachdem die Männer den Tanz absolviert haben, kommen die Frauen an die Reihe. Von Freude hingerissen, beginnen dann die Eltern und Verwandten neue Reigen zu bilden und tanzen im Saale, wie in Verzückung, teils einzeln, teils mit vielen im Kreise. Oft ist es die alte Generation, Großeltern und mitunter sogar Urgroßeltern, die in diesem Momente ihren jugendlichen Frohsinn und Kraft wieder zu bekommen scheinen. Rührend ist es mitunter, ein uraltes Großmütterchen zu sehen, wie sie in ihrem wie neu aussehenden Festkleid, das sie oft noch von ihrer Hochzeit her hat, lustig im Saale hüpft oder sogar ihren greisen Gemahl schelmisch bei den Händen faßt und mit ihm bei den Klängen eines lustigen Hochzeitstanzes ein Tänzchen aufführt. Die ganze Gesellschaft klatscht dann zum Takte in die Hände und ruft jauchzend: „Seht hin, Seide Babe (Großvater und Großmutter) tanzen!" Das „Mizwe-Tänzel" dauert zumeist bis spät in die Nacht, ja mitunter sogar, bis der Tag zu grauen beginnt. Die Musik spielt, unter ständigem Einsatz des Badchen, unermüdlich. Endlich geben die Eltern, die in der Regel schon todmüde sind, der Kapelle einen Wink, das Zeichen, zum Aufbruch zu spielen. Die Klesmer spielen nun ein „Gutenacht"-Lied, cessen Text sie gleichzeitig singen. Ein solch verbreitetes Lied, das die Aufforderung zum Nachhausegehen bedeutet, lautet: ,,A gite Nacht, a gite Nacht, Mechitunim alle! A gite Nacht, a gite Nacht, Chussen mit der Kalle. Aheiml Aheim! Aheim! Aheim! Schlufen mis men gein. Aheim! Aheim! Aheim! Aheim! Schlufen mis men gein!" Die Gäste haben den Sinn dieses Liedes bezw. die Berechtigung dieser Aufforderung verstanden und entfernen sich, unter Wünschen und Küssen an Brautpaar und Eltern, allmählich. Die Klesmer begleiten sie mit einem flotten Marsch zur Tür, wobei sie noch von manchem ein Geldstück in die Hand gedrückt bekommen. Als letzte bleiben die Eltern, das Brautpaar und die Unterführer. Vor dem Scheiden legt der Vater dem Sohn bezw. die Mutter der Tochter ans Herz, nicht Wollust solle sie beherrschen, sondern das Bewußtsein, das heiligste und erste Gebot Gottes zu befolgen. Die Eltern begleiten noch ein Stück ihre Kinder und scheiden unter heißem Segen und Küssen. Die Unterführer bringen nun das Paar in ihr neues eheliches Heim. Am anderen Morgen wird der junge Gatte in die Synagoge begleitet, wo er