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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 224

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
224 (sequence 6)
Language
German
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224 Samuel Rappaport: gang und der Methode der dialektisch-pilpulistischen Diskussionen zum Ergötzen der anwesenden „Lamdanim", wobei er manchen Anwesenden mit einem gut gelungenen Witz heimlich trifft. Er unterwirft seinem Spotte auch aktuelle Tagesfragen der Gemeinde wie die herrschenden Zustände, die er entweder lobt oder ins Lächerliche zieht. Auch selbstverfaßte hebräische Gedichte mit selbstverfaßter Melodie gibt er zum Besten. Zum Verständnis der Frauen, die doch in der Regel des Hebräischen nicht und noch weniger der talmudischen Sprache mächtig sind, gibt er seine Witze in jiddischer Sprache, singt Lieder in derselben Sprache, Lieder national-religiösen Inhalts, wie z. B. über die Leiden des jüdischen Volkes im Galut, das Leben und Sterben der Juden für seine Torah, oder profan lustigen Inhalts. Er karikiert und geißelt manche Auswüchse des jüdischen Ghetto in lustiger Weise, zum Ergötzen der ganzen Gesellschaft.*) Ist der Badchen mitunter auch ein ,,Verwandlungskünstler", d. h. wenn er sich zu verkleiden versteht und andere Masken annehmen kann, dann erscheint er mitunter als Bauer in der Karczma (Dorfschänke) oder als „Lirnik" (Leiermann), der am Jahrmarkt singt, oder als Chassid, der zum Zaddik wallfahrtet, oder gar als ,,Parnes choidesch" (Gemeindevorsteher), der die Gemeinde tyrannisiert usw. Auf einen Wink des Brautvaters springt nun der Badchen auf den Tisch und verkündet, jetzt werde er „Drusche-Geschank" rufen (Ausrufen der Hochzeitsgeschenke). In früherer Zeit pflegte es Sitte zu sein, daß jeder Bräutigam an seinem Hochzeitsfeste einen talmudischen Vortrag (Draschah) hielt, wofür er von den Gästen mit einem Geschenk bedacht wurde. Das Geschenk hieß deswegen ,,Draschah-Geschenk". **) Da aber mancher Bräutigam nicht in der Lage war, eine gelehrte Rede zu halten und er dadurch in arge Verlegenheit kommen mußte, wurde schließlich in vielen Gemeinden ,,kede schelo lebajesch" d. h. um niemand zu beschämen, die Rede des Bräutigams auf seinem Hochzeitsfest, die „Draschah" abgeschafft, aber das „Drusche-Geschank" ist bis heute verblieben. „Drusche-Geschank" bringen oder schicken fast alle zur Hochzeit Geladenen. Bei sehr armen Brautleuten bildet dasselbe den größten Teil oder sogar auch den ganzen Bestand ihres Heiratsgutes. In diesen Kreisen wird schon im voraus das „Drusche-Geschank" als Teil der Mitgift in Rechnung gezogen, „Drusche-Geschank" bekommt *) Sehr beliebt waren im vorigen Jahrhundert Badchen-Lieder, die das Leben des Belfer (Lehrergehilfen), des jüdischen Soldaten, des „Daitsch" (jüdischer Freigeist j oder eines, der hundert Jahre geschlafen hat, dann erwacht und die verderblichen Veränderungen im jüdischen Leben beweint, zum Inhalt hatten; ferner das Badchenlied „Das güldene Rändel" („Rändel" eine Abkürzung von „Randdukat"), das vom Golddukaten (worunter der jüdische Glaube gemeint ist) handelt, den der Vater seinem Sohne zur Bar-mizwah gibt mit der Aufforderung, wenn man ihn selbst ,,in Feuer und Wasser werfen sollte", solle er das „Rändel" gegen ein anderes (einen anderen Glauben) nicht eintauschen. Eine Strophe dieses Liedes habe ich im oben erwähnten Aufsatz in „Mimisrach umimaarab" veröffentlicht. Dies schöne, wie es scheint, sehr alte, Badchenlied ist bis heute nicht gedruckt, es wurde aber bis zum Weltkriege in Galizien gesungen und dürfte bald in Vergessenheit geraten. Im Osten wird auch eine von einem Badchen stammende Parodie auf Heines „Die beiden Grenadiere" gesungen, die von zwei Chassidim handelt, die alles opfern und selbst Frau und Kind verlassen und unter unsäglicher Mühe zum Zaddik wallfahren. **) Im Osten bekommt noch jetzt jeder neugewählte Rabbiner nach der Einführungsrede von jedem bemittelten Gemeindemitgliede ein Geschenk. Dies Geschenk wird bis heute gleichfalls „Drusche-Geschank" genannt.

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